Das öffentliche Bewusstsein für die Autismus-Spektrum-Störung zu stärken, und Vorurteile abzubauen, ist Teil der alltäglichen Arbeit der bundesweiten Selbsthilfeorganisation Wohnzimmer Neurodivers e.V. Heute, am 2. April, ist Welt-Autismus-Tag. Der Tag also, an dem sich weltweit Organisationen diesem Anliegen gezielt widmen. Während es in diesem Jahr zwei Mottos gibt – einmal das weltweite »Autismus und Menschlichkeit – Jedes Leben hat Wert!« und das europäische »Nicht unsichtbar!« – widmen wir uns einem Thema, das beide Mottos in sich vereint: der Liebe und der Gefühlswelt im Spektrum.
Annine Fuchs
Erst kürzlich hatten sich Mitglieder der zum Wohnzimmers Neurodivers e.V. gehörenden Stuttgarter Selbsthilfegruppe LIAS – Leben im Spektrum für den Abbau von Vorurteilen engagiert. Im Rahmen eines Interviews hatten sie Rede und Antwort auf viele Fragen rundum das Autismus-Spektrum gestanden, von dem nun Auszüge in der Folge: Autismus bei Erwachsenen im SWR-Podcast Das Wissen zu hören waren. Wie es der Name des Podcasts bereits sagt, lag der Schwerpunkt der Sendung auf dem wissenschaftlichen, also der Diagnostik sowie dem Einfluss von Genetik auf die Gehirnstruktur. Forschende kamen viel zu Wort, die Betroffenen weniger, aber mit wichtigen Aussagen.
Gesprochen wurde unter anderem über die Gefühlswelt und die Herausforderungen, die Beziehungen für Menschen im Spektrum mit sich bringen. Während es im Rahmen des vorab geführten Interviews deutlich mehr in die Tiefe gegangen war, beschränkte sich der SWR auf das Einspielen jener Aussagen der Betroffenen, die die Herausforderungen in Beziehungen deutlich machten. Der Teil, der über gemeisterte Hürden gesagt wurde, fand leider keinen Platz.
Signale – Kurzfilm knüpft an, wo Podcast aufhört
Umso schöner ist der glückliche Umstand, dass derzeit ein Spendenaufruf für die Realisierung eines Projekts läuft, das genau an dieser Stelle anknüpft. Bereits 2021 hatte der Filmemacher Louis Bennies, selbst Autist, den Kurzfilm Signale realisiert. Darin geht es um einen jungen Mann im Spektrum, der sich zum ersten Mal verliebt.
Anders, als es beispielsweise in Produktionen von Streamingdiensten oder auch aus der Kinobranche üblich ist, basiert der Kurzfilm nicht auf Klischees, die an der Kasse viel einspielen. Er zeigt ehrlich, authentisch und dabei stets einfühlsam, mit welchen Herausforderungen sich Betroffene im Spektrum auseinandersetzen.
Vor allem aber vermittelt Signale die Botschaften, die im Podcast keinen Platz gefunden hatten: Menschen im Spektrum haben Gefühle, sie können Partner finden, sie können sich den Herausforderungen der Gefühlswelt stellen, und Beziehungen haben.
Louis Bennies und sein Team möchten nun den nächsten Schritt tun, um diese wichtigen Botschaften in einer Langversion von Signale zu realisieren. Für die finale Fertigstellung des Films, insbesondere für Postproduktion, Ton, Schnitt und Veröffentlichung, sind sie dringend auf Unterstützung angewiesen.
Mehr als gerne machen wir, das Wohnzimmer Neurodivers e.V., am Welt-Autismus-Tag auf dieses Projekt aufmerksam und wünschen den Machern viel Erfolg bei der Realisierung!
Wohnzimmer Neurodivers e.V.
Der Wohnzimmer Neurodivers e. V. ist ein bundesweiter Zusammenschluss neurodivergenter Menschen (ADHS, Autismus, AuDHS). Er vernetzt über 4000 Mitglieder in digitalen und lokalen Selbsthilfegruppen und betreibt eine datenschutzkonforme Online-Plattform zur Selbsthilfeorganisation. Sein Ziel ist es, niedrigschwellige, barrierefreie Zugänge zur Selbsthilfe zu schaffen, Gruppenarbeit zu professionalisieren, Empowerment, Gesundheitskompetenz und Teilhabe zu fördern und der Stigmatisierung von neurodivergenten Menschen entgegenzuwirken.
Dazu bietet der Wohnzimmer Neurodivers e.V. eine professionelle Begleitung einer bundesweiten Selbsthilfestruktur, die Qualifizierung von Selbsthilfeaktiven durch digitale Schulungen, Supervision und Austausch, die Entwicklung niedrigschwelliger Informations- und Unterstützungsangebote für Betroffene und Angehörige sowie eine digitale Plattform mit barrierearmen Funktionen, Foren und Videokonferenzräumen.
Autismus-Spektrum-Störung
Bei der Autismus-Spektrum-Störung (kurz: ASS) handelt es sich um eine sogenannte neuromentale Entwicklungsstörung. Als solche ist die Autismus-Spektrum-Störung angeboren, sie kann genetisch bedingt sein und dauert ein Leben lang an. Charakteristisch für eine Autismus-Spektrum-Störung sind insbesondere Schwierigkeiten in Bereichen der sozialen Interaktion und Kommunikation, was bei den Betroffenen zu erheblichen Beeinträchtigungen im persönlichen, familiären, sozialen sowie im schulischen und beruflichen Umfeld führen kann. In Deutschland hat etwa eine von 100 Personen eine Autismus-Spektrum-Störung. Jungen und Männer werden häufiger diagnostiziert als Mädchen und Frauen. Aktuelle Studien zeigen jedoch, dass weibliche Personen schon früh lernen, ihre Bedürfnisse zu unterdrücken und zu maskieren, weshalb mittlerweile davon ausgegangen wird, dass die Zahl betroffener weiblicher Personen mit Autismus deutlich höher liegt als bislang angenommen. Während manche Menschen im Autismus-Spektrum ein Leben lang auf Unterstützung angewiesen sind, können andere relativ selbstständig leben.
Derzeit gilt in Deutschland noch der ICD 10, demzufolge Autismus unterteilt wird in 1) Frühkindlichen Autismus (F84.0), 2) Atypischen Autismus (F84.1) und 3) Asperger-Syndrom (F84.5). Seit 2022 ist jedoch der ICD 11 der WHO in Kraft getreten. Dieser fasst die drei Autismus-Arten des ICD 10 zusammen unter der Diagnose Autismus-Spektrum-Störung (6A02). In Deutschland ist der ICD 11 noch nicht amtlich, aber in einer deutschsprachigen Testversion einsehbar.
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