»Wir dürfen die Paracetamol-Debatte nicht denjenigen überlassen, die am lautesten schreien!«

Ein Statement der US-Regierung im September 2025 führte dazu, dass die Studie des promovierten Wissenschaftlers Viktor Ahlqvist in eine hitzige internationale Debatte geriet. Urplötzlich musste er Fakten gegen Falschinformationen verteidigen, und seine Studie Millionen von amerikanischen Fernsehzuschauern erläutern.

An einem Septembermorgen des vergangenen Jahres sprach Viktor Ahlqvist live auf CNN – neben US-Präsident Donald Trump. Als er vor einigen Jahren seine Forschungen zur Einnahme von Schmerzmitteln während der Schwangerschaft aufgenommen hatte, wäre ihm eine solche Situation nicht in den Sinn gekommen.

»Niemals hätte ich gedacht, dass ich einmal live im amerikanischen Fernsehen auf die Äußerungen eines Präsidenten antworten, und dabei versuchen müsste, nicht zu fluchen oder mir an den Kopf zu fassen«, sagt der Forscher lachend.

Viktor Ahlqvist ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Biomedizin der Universität Aarhus und hat am Karolinska Institut in Stockholm eine der weltweit größten Studien zur Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft durchgeführt.

Die Studie umfasste 2,5 Millionen Schwangerschaften. Ihr zufolge besteht kein Zusammenhang zwischen dem häufig eingenommenen Medikament und der Entwicklung von Autismus bei Kindern. Ebendieser, in einer kontroversen Stellungnahme der US-Regierung postulierte, Zusammenhang hatte Ende September 2025 großes Aufsehen erregt, und zu heftigen politischen Diskussionen geführt.

Plötzlich wurde aus Wissenschaft Weltpolitik

»Alles begann im Jahr 2023, als eine Forschergruppe eine Warnung vor der Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft herausgab. Wir waren der Meinung, dass sie die Daten falsch interpretiert hatten, und beschlossen, die Frage gründlich zu untersuchen«, so Ahlqvist.

Seinen Aussagen zufolge gibt es in Schweden spezielle Gesundheitsregister, in denen auch rezeptfreie Medikamente während der Schwangerschaftsvorsorge erfasst werden. Aus diesem Grund war es möglich, eine äußerst umfangreiche Untersuchung durchzuführen.

Viktor Ahlqvist und sein Forschungsteam fanden heraus, dass der geringfügig erhöhte Risikofaktor für die Entwicklung von Autismus bei der Einnahme von Paracetamol, den frühere Studien gezeigt hatten, unter Berücksichtigung von Fieber und anderen Faktoren vollständig verschwand. Die Ergebnisse wurden 2024 veröffentlicht und wurden schnell zu einer Referenz für Wissenschaftler, Behörden und Gerichte.

»Wir dachten eigentlich, das Projekt sei abgeschlossen. Aber die Debatte flammte wieder auf, weil amerikanische Politiker das Thema Paracetamol im Rahmen einer Kampagne über Medikamente, Impfstoffe und Autismus aufgriffen und Zweifel an der Validität unserer Studie säten. Plötzlich eskalierte die ganze Situation«, erzählt Viktor Ahlqvist.

Unverhoffte und gewaltige Herausforderung in Sachen Kommunikation

US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. und Präsident Donald Trump brachten den Zusammenhang zwischen Paracetamol und Autismus bei einer groß angelegten Pressekonferenz Ende September auf die Tagesordnung. In den folgenden Wochen wurden Viktor Ahlqvist und seine Kollegen von internationalen Medien regelrecht bombardiert.

»Ich führte fast rund um die Uhr Interviews mit Journalisten aus den USA, Großbritannien, Schweden und Dänemark. Wir mussten die Pressetermine unter uns in der Forschungsgruppe aufteilen, um mithalten zu können, und ich musste so gut wie meine gesamte übrige Forschungsarbeit unterbrechen«, erzählt er.

Zugleich erkannte Viktor Ahlqvist, wie wichtig es sein kann, wissenschaftliche Erkenntnisse zu kommunizieren, insbesondere wenn politische Interessen dazu führen, dass Fakten infrage gestellt werden.

»Es ist jedoch immer Abwägungssache. Jede Stunde, die wir für Interviews aufwenden, ist eine Stunde, die wir nicht im Labor oder, in meinem Fall, mit der Datenanalyse verbringen. Wenn wir uns als Forscher jedoch nicht an der öffentlichen Debatte beteiligen, laufen wir Gefahr, dass stattdessen Personen ohne fachliche Kenntnisse diesen Raum füllen. Die Abwägung ist schwierig, aber notwendig«, sagt Viktor Ahlqvist.

Ein Ausschnitt mit Viktor Ahlqvist live auf CNN ist in diesem YouTube-Video zu sehen.

Universität und Kollegen standen mit Rat und Tat zur Seite

Angesichts des intensiven Medienandrangs erhielt Viktor Ahlqvist Unterstützung sowohl von der Universität, die ihm bei der Bewältigung der zahlreichen Presseanfragen half, als auch von internationalen Kollegen, die ihn sowohl in den Medien als auch per E-Mail unterstützten.

»In einer solchen Situation muss man nicht alleine kämpfen. An den Universitäten gibt es reichlich professionelle Hilfe, die man unbedingt in Anspruch nehmen sollte«, betont er.

»Es war eine Erleichterung, dass wir so viel Unterstützung erhielten. Die Situation wäre ganz anders gewesen, wenn wir mit unserer Aussage allein dagestanden hätten und unsere Studie gegenüber der amerikanischen Regierung allein hätten verteidigen müssen«, sagt er.

Ethische Verantwortung und öffentliche Debatte

Viktor Ahlqvist hat die Debatte gezeigt, welche Auswirkungen Forschung auf das Leben und den Alltag der Menschen haben kann:

»Wenn jemand offiziell verkündet, dass ein gängiges Medikament Kinder krank macht, löst das bei Eltern enorme Schuldgefühle und Ängste aus. Viele Mütter fragen sich: ‚Bin ich schuld daran, dass mein Kind autistisch ist?‘ Und das ist äußerst problematisch, wenn es dafür keine Beweise gibt.«

Zugleich weist er darauf hin, dass Fehlinformationen direkte gesundheitliche Folgen haben können.

»Wenn Schwangere aufgrund von Fehlinformationen oder Ängsten Paracetamol meiden, riskieren sie, Medikamente zu nehmen, die für Kinder und Eltern weitaus größere Risiken bergen. Im schlimmsten Fall kann das für den Einzelnen und für die öffentliche Gesundheit insgesamt mehr Schaden als Nutzen bringen«, sagt Viktor Ahlqvist.

Von Pharmazeutika zu genetischen Mustern


Zwar dominiert die große Paracetamol-Studie nach wie vor seinen Terminkalender, doch arbeitet Viktor Ahlqvist heute am Institut für Biomedizin im Bereich der statistischen Genetik und Präzisionspsychiatrie. Dort untersucht er, warum Menschen mit ADHS und Autismus im späteren Leben ein erhöhtes Risiko haben, Krankheiten wie ALS und Parkinson zu entwickeln.

»Ich versuche immer noch, die gleichen Mechanismen zu verstehen, nur über den gesamten Lebensverlauf hinweg und nicht nur während der Schwangerschaft«, erklärt er.

Rückblickend bezeichnet er die Erfahrungen der letzten Monate als anstrengend, aber lehrreich.

»Ich habe noch nie so hart gearbeitet, aber dafür habe ich gelernt, wie wichtig es ist, dass Forscher sich trauen, ihre Arbeit zu erklären – auch wenn es politisch wird. Wir dürfen die Paracetamol-Debatte nicht denjenigen überlassen, die am lautesten schreien«, sagt er.

Er hofft, dass die große Aufmerksamkeit für den Forschungsbereich auch einen positiven Effekt haben kann.

»Wenn es eine gute Sache gibt, die Trump für meine Forschung getan hat, dann ist es, dass er uns alle daran erinnert hat, wie wichtig es ist, funktionsfähige Systeme zu haben, um die Sicherheit von Medikamenten während der Schwangerschaft zu überwachen. Hier in Skandinavien haben wir ein paar einzigartige Möglichkeiten und die Verantwortung, diese zu nutzen.«

Originaltext von Sebastian Skousgaard, Health, Aarhus Universit; übersetzt von Annine Fuchs

Foto: Anna Starnawska, Health, Aarhus Universitet