Menschen im Autismus-Spektrum berichten häufig über Schwierigkeiten bei der psychotherapeutischen Versorgung. Immer wieder kommt es aufgrund mangelnder Expertise des Fachpersonals zur Ablehnung von Anfragen auf Therapieplätze von Betroffenen. Zudem berichten diejenigen, die einen Therapieplatz erhalten, vermehrt von Unzufriedenheit mit der Behandlung. Diese sei nicht auf Menschen mit Autismus abgestimmt. Geholfen ist Betroffenen mit einem Therapieplatz demzufolge nur teilweise oder im schlimmsten Fall gar nicht.
Versorgung von Menschen im Autismus-Spektrum ist nicht optimal
Um einen besseren Überblick über die aktuelle Qualität der psychotherapeutischen Versorgung von Menschen mit Autismus zu erlangen, und mehr über mögliche Hindernisse für den Zugang zu psychologischer Unterstützung zu erfahren, führte die Autismus-Forschungs-Kooperation (afk) eine Studie durch. Das Ergebnis wurde 2022 in der internationalen Fachzeitschrift autism unter dem Titel »A blind spot in mental healthcare? Psychotherapists lack education and expertise for the support of adults on the autism spectrum« veröffentlicht.
Im Rahmen dieser bundesweiten Studie wurden insgesamt 498 Psychotherapeuten in der Regelversorgung zu ihren Kenntnissen über das Autismus-Spektrum befragt. Um zu vermeiden, dass ausschließlich Therapeuten mit einem ausgeprägten Interesse an Autismus an der Befragung teilnahmen, wurde nicht offengelegt, dass die Befragung auf Autismus abzielte.
Mittels einer 10-minütigen Online-Befragung wurden daher die Erfahrungen der Teilnehmenden in der psychotherapeutischen Ausbildung sowie deren Selbsteinschätzung der Kompetenz in Diagnostik und Behandlung von Menschen mit Autismus, ADHS, Borderline, Depression, Essstörung, Zwangsstörung, Phobien und Schizophrenie befragt.
Ein wichtiger Bestandteil der Umfrage war es auch, herauszufinden, wie es um die Bereitschaft zur Behandlung von Menschen im Autismus-Spektrum steht. Angefangen von Gründen, die in der Antragstellung auf Kostenerstattung zu finden sein können bis hin zum möglichen Problem, jemanden ohne Blickkontakt zu behandeln, wurde hierzu eine Reihe spezifischer Fragen gestellt, um möglichst genau zu ergründen, woher die derzeitigen Hürden stammen.
Die letzte und ebenso wichtige Frage bezog sich darauf, ob die Teilnehmenden jemals eine Weiterbildung zum Thema Psychotherapie für Menschen im Autismus-Spektrum erhalten hatten beziehungsweise, ob sie prinzipiell an einer solchen Interessiert sind.
Autismus ist oft nicht Teil des Lehrplans
Aus den Antworten der Teilnehmenden ging hervor, dass sie während ihrer Ausbildung deutlich mehr Wissen über Borderline, Depression, Ess- und Zwangsstörungen, Phobien und Schizophrenie vermittelt bekamen. Über 53 Prozent der Befragten berichteten über sehr geringe Kenntnisse und/oder eine unzureichende psychotherapeutische Ausbildung im Bereich Autismus-Spektrum. Lediglich die Aufklärung über ADHS wurde ähnlich niedrig bewertet wie die über Autismus.
Dies könnte darin begründet sein, dass sowohl Autismus-Spektrum als auch ADHS noch immer als Erkrankungen gelten, die mit der Kindheit in Verbindung gebracht werden. Jene, die Erwachsene therapieren wollen, erhalten daher oftmals nicht eine entsprechend auf Autismus und ADHS zugeschnittenes Ausbildung, und können ihr damit zusammenhängendes Wissen nur eigenständig erweitern.
Ein Interesse an einer Fortbildung zum Thema Psychotherapie für Menschen im Autismus-Spektrum erhalten hatten immerhin 14,9 Prozent der Befragten. Zudem sprach sich eine deutliche Mehrheit (73,8 Prozent) für das Interesse an einer solchen Weiterbildung aus.
Fehlvorstellungen über Autismus sind weit verbreitet
Die Studie zeigte zudem, welche Folgen die geringen Kenntnisse über Autismus beim Fachpersonal auf Betroffene haben. So hatten beispielsweise mehr als ein Drittel der Befragten falsche Vorstellungen über die Auswirkungen von Impfungen (43 Prozent), 34 Prozent lehnten die Bedeutung von Bezugspersonen für Menschen im Autismus-Spektrum ab, und 22 Prozent hegten Fehlvorstellungen über mangelndes soziales Interesse bei autistischen Erwachsenen. Insbesondere Letzteres ist jedoch eine der Hauptursachen für das psychische Wohlbefinden und auch eine mitunter sehr eingeschränkte Lebensqualität bei Betroffenen.
Über die Hälfte der Befragten (57 Prozent) war fälschlicherweise der Annahme, dass die meisten Erwachsenen im Autismus-Spektrum eine intellektuelle Beeinträchtigung aufweisen würden. Zudem tendieren Therapeuten dazu, Patienten ohne intellektuelle Beeinträchtigung oder mit Sozialkontakten, als »wahrscheinlich nicht autistisch« anzusehen.
Bittere Erkenntnis
Obwohl die meisten Therapeuten offen für die Behandlung von Menschen im Autismus-Spektrum sind, trauen sich viele aufgrund von nicht vorhandenem Wissen und Fehlvorstellungen die Aufnahme von Patienten mit Autismus nicht zu. So kommt auch die Studie zu dem Schluss:
»Insgesamt ist das Wissen über Autismus mangelhaft, nicht nur bei Psychotherapeuten, sondern auch bei medizinischem Fachpersonal im Allgemeinen«.
Ändern ließe sich daran durch Weiterbildungen vieles. Allerdings mangelt es an spezialisierten Angeboten. Als Konsequenz sind Menschen im Autismus-Spektrum in Deutschland sowohl in Bezug auf die Diagnostik als auch auf die Behandlung weiterhin unterversorgt.
Vor dem Hintergrund, dass 27 Prozent der Befragten angeben, nicht zu wissen, wo sie Unterstützung erhalten können, zeigt sich jedoch deutlich: Mit mehr und vor allem zugänglicher Aufklärung, ließe sich an dieser unbefriedigenden Situation auf beiden Seiten sehr viel zum Positiven hin wenden.
Quelle:
Lipinski, S., Boegl, K., Blanke, E. S., Suenkel, U., & Dziobek, I. (2021). A blind spot in mental healthcare? Psychotherapists lack education and expertise for the support of adults on the autism spectrum. Autism, 26(6), 1509-1521. https://doi.org/10.1177/13623613211057973 (Original work published 2022)