Von einer Schnecke zum Fuwosch

Gemeinsam auf den 20. Oktober hin

Am 20. Oktober ist der Tag der nicht sichtbaren Beeinträchtigungen.

Für uns als Selbsthilfeorganisation für ADHS und Autismus ist dieser Tag besonders wichtig: Denn neurodivergente Menschen erleben täglich, dass ihre Herausforderungen nach außen oft nicht erkennbar sind – und trotzdem ihren Alltag massiv prägen.

Wir möchten in den Wochen bis dahin persönliche Geschichten veröffentlichen, die zeigen, wie vielfältig diese Erfahrungen sein können. So machen wir sichtbar, was sonst unsichtbar bleibt – und schaffen mehr Verständnis und Resonanz für Menschen mit ADHS und Autismus.

Den Anfang macht heute der Erfahrungsbericht „Von einer Schnecke zum Fuwosch“. Er erzählt eindrücklich, wie es ist, mit ADHS zu leben, mit Grübeln, Energie und Begleiterkrankungen – und wie Bilder wie der „Fuwosch“ helfen können, die eigene Identität auszudrücken.

👉 Wir laden euch ein: Wenn ihr selbst mit ADHS oder Autismus lebt und Lust habt, eure Erfahrungen in Textform zu teilen, schickt uns eure Beiträge. Wir werden sie im Rahmen des Aktionstags veröffentlichen und so gemeinsam mehr Sichtbarkeit schaffen.

Denn jede Geschichte zählt – und macht Mut.

Von einer Schnecke zum Fuwosch

Von Sitala

Sie war aufgeregt und dementsprechend schon früh am Morgen wach. Sie gehörte zu den Menschen, die gleich nach dem Augenaufschlagen eine Energie hatten, die nur wenige nachvollziehen konnten. Was dabei aber viele vergaßen, viel Energie haben, musste nicht heißen, dass sie ansprechbar war. Morgens war sie in ihrem Tunnel und grummelig. Heute sollte sie einem Bekannten etwas über ihre Diagnosen erzählen.

Wie immer grummelte sie schon vor sich hin, als sie auf dem Weg nach unten das Getrampel und Geschrei der Nachbarkinder hörte. Heute Morgen brauchte aber wenigstens ihre Katze keine 10 Minuten, um vor ihr die Treppen runterzukommen. Jeder Morgen lief seit Jahren nach einem nicht veränderbaren Rhythmus ab.

Wieder oben, in ihrer Wohnung, blieb sie einen Moment im Flur stehen. Sie hatte noch Zeit, was sollte sie tun? Tat sie morgens nichts, ging das Gedankenkarussell wieder los. Hinterfragte Entscheidungen, führte Streitgespräche mit Personen, die es gab, aber mit denen sie diese Gespräche wohl nie in der Realität so führen könnte, und ging immer und immer wieder alternative Ausgänge durch. Nichts war für ihre Kopfdämonen besser als Anschuldigungen, die in der Luft schwebten. Die konnten so herrlich zerrissen werden.

Dieses „Gedankenkarussell“ half selten und führte meist eher dazu, dass sie sich schlecht und schuldig fühlte. Im schlimmsten Fall, wenn so etwas schon in der Nacht einsetzte, konnte sie allzu schnell wieder in eine depressive Phase gehen. Mit einem energischen „Stopp“, das sie laut aussprach, stoppte sie für den Moment das Karussell und ging ins Bad.

Wieder in ihrem Zimmer, setzte sie sich an den Laptop und startete den Chat mit der Bekannten. Sie hatte dem Beitrag einen Namen geben dürfen. Nach der obligatorischen Begrüßung ploppte die Frage auf:

„Wie kamst du auf den Titel und was ist ein Fuwosch?“ Sie lächelte. Sie mochte Titel, die bewirkten, dass eine Braue gehoben, gelacht wurde oder irgendwelche Reaktionen bewirkten. „Jeder kennt doch den Spruch ‚Zur Schnecke gemacht werden.‘ Das hatte ich in meiner Schulzeit auch. Viel Energie haben, heißt ja nicht, im Denken oder in den Reaktionen schnell zu sein. Zumindest im Sinne des Schulsystems. Ein Fuwosch ist ein Fantasiewesen, das ein Freund und ich habe entstehen lassen. Er ist auch ein ADHS’ler, jedoch von einem anderen Subtyp als ich. Ein Fuwosch ist also die Kombination der drei Tiere, die mich am meisten faszinieren: Fuchs, Wolf und Schnecke. Schnecken, speziell Gehäuseschnecken, sind zwar langsam, aber haben so viel Bewundernswertes und vor allem Starkes. Bei Interesse an anderer Stelle mehr.“

An dieser Stelle könnte sie noch Stunden weiterschreiben, daher ließ sie die Erklärung so stehen. Aber wo sie gerade schon ADHS’ler gesagt hatte… nicht nur der Chat war an ihrem PC geöffnet, sondern parallel auch noch zwei Seiten, auf denen sie war, ihr Mailprogramm und YouTube. Immer, wenn irgendwo etwas aufploppte, musste sie natürlich danach klicken. Oder wenn die nächste Frage nicht schnell genug kam.

„Spannend und ein cooles Tier“ kam es zurück. Sie lächelte. Sie mochte dieses Bild des Fuwoschs. Ein wolfsgroßer Rotfuchs, mit buschigem Schwanz und Schneckenhaus. „Du hast es ja schon angemerkt. Du hast also ADHS. Magst du kurz einmal sagen, was es für dich heißt?“ Sie fand es spannend, was ADHS für sie hieß. Nicht, was es allgemein hieß. Wobei sie schätzte, dass es dort, wo es veröffentlicht werden sollte, alle wussten.

„Ja, gern. Aufmerksamkeitsstörung, steht für mich eher für eine andere Art der Aufmerksamkeit. Ich muss erst einmal alle möglichen Optionen prüfen, ehe ich mich dann auf ein ausgewähltes Spektrum an Spannendes richten kann. Heißt also, ich kann mich schon sehr gut konzentrieren. Aber eben nur auf das, was ich für mich als spannend empfunden habe und was ich steuern kann. Daher streich ich mal das Defizit, das dürfen die ‚Normalos‘ für sich behalten. Hyperaktiv bedeutet für mich, niemals Stille oder Ruhe. Ich stehe eigentlich 24/7 unter Strom. In der Fachliteratur heißt es, im Erwachsenenalter würde es mehr nach innen gehen, als sich in motorische Unruhe zu äußern. Dem kann ich für mich nicht zustimmen. Ich habe beides. Es fühlt sich an, als ob neben dem Blut, das in meinen Adern zirkuliert, auch immer Energie mitzirkuliert. Eine Weile kann ich es unterdrücken, doch dann äußert es sich in motorischen Zuckungen, die sich an Intensität steigern und auch zu blauen Flecken und Verkrampfungen führen können. Nach innen kenne ich es aber auch. Das nenne ich dann meine ‚Inneren Dämonen‘, die alles und jeden Schritt auseinandernehmen.“

Sie zögerte kurz, es abzuschicken, nahm lieber noch einen Schluck aus ihrem Glas und las es noch mal drüber. Dann drückte sie auf Senden.

„Danke für deine Ehrlichkeit. Das wird auch anderen sicherlich helfen,“ kam es zurück. Sie war immer ein ehrlicher Mensch und direkt. Denn Lügen war nicht ihre Stärke, drum ließ sie es auch gleich.

„Kommen wir schon zur vorletzten Frage. Oft wird gesagt, dass ADHS selten allein kommt. Wie würdest du das erklären?“ Sie überlegte, das eine waren sogenannte Begleiterkrankungen, das andere eben daraus Resultierendes. Wie unterschied man das?

„Denke, es hat viel damit zu tun, wann es erkannt wird und in welcher Umgebung man aufwächst. Spätdiagnosen haben zur Folge, dass unser Masking Folgen forderte. Bei mir wurde neben ADHS noch eine Rez. Depressive Störung diagnostiziert. Migräne und Langzeitkopfschmerzen bereits in der Kindheit. Heute geh ich davon aus, dass alles drei Folgen des Masking sind. Es ist ein Teufelskreis aus Anpassung, Mobbing u.ä. und sich finden. Die Verdachtsdiagnose habe ich bereits 2016 bekommen, die Bestätigung und die Depressive Störung dann November/Dezember 2024. Ich hatte noch eine Kindheit, die ich als ‚artgerecht‘ bezeichnen würde, der Spießroutenlauf begann dann auf der weiterführenden Schule. Denke, dass ich ein reflektierter Mensch bin, der in einem liebevollen und interessierten Umfeld aufgewachsen ist. Das hat mich vor vielem bewahrt.“

Sie hatte oft schon gedacht, es hätte noch viel mehr kommen können. Sie ließ hier ihren Autismus-Verdacht weg, da sie dafür keine Diagnose hatte, nur ein Bauchgefühl. Eine Vermutung.

„Spannend, was du schreibst. Kommen wir zur letzten Frage. Gibt es noch etwas, das du anderen mitgeben möchtest?“

„Lernt das innere kleine Kind kennen, lernt euch zu vertrauen und nehmt die Beziehung zu euch ernst. Die Beziehung zu euch selbst ist die längste und intensivste Beziehung eures Lebens und die wichtigste. Denn darauf baut sich alles auf.“

Darauf folgten dann noch ein Bedanken und die üblichen Floskeln.

Dann schloss sie den Tab und stand auf. Sie musste sich erst einmal bewegen, um die Energie loszuwerden. Dann fiel ihr ein, dass sie das Frühstück vergessen hatte, und ging nach unten, um es sich zu holen.