Autismus, ADHS und weitere Spektrum-Diagnosen begleiten Betroffene ein Leben lang. Die Community Wohnzimmer Neurodivers e.V. bietet nun speziell für Ältere ab 50 eine bundesweite Online-Selbsthilfegruppe an. Denn: es gibt es kaum Angebote für Ältere aus dem neurodivergenten Spektrum.
Mit über 50 Jahren stehen Menschen, die mit ADHS, Autismus, Hochsensibilität oder anderen neurodivergenten Diagnosen leben, oft vor neuen Problemen. Ihre Symptome nehmen mit steigendem Alter zu und die Teilnahme am „normalen“ Leben wird schwieriger. Sie haben ein hohes Risiko für eine Vielzahl an gesundheitlichen und psychischen Problemen. Spezielle Therapieangebote, Behandlung und Hilfe für Menschen ab 50 im neurodivergenten Spektrum gibt es dennoch kaum. Da bleibt nichts übrig, als sich selbst zu helfen.
Erschöpfung und Depression
Neurodivergente Menschen gehen oft ihr Leben lang weit über ihr Limit, um den Anforderungen von außen gerecht zu werden. Da die Belastbarkeit im Alter abnimmt und z. B. sensorische Empfindlichkeit zunimmt, wird dies immer schwieriger. Depressionen, Erschöpfung und Burnout sind die Folge – und sind schwerer therapierbar. Ein Burnout im neurodivergenten Spektrum mit über 50 lässt sich durch ein paar Wochen Erholung und Therapie oft nicht heilen. Doch wirksame Therapien für Betroffene sind noch nicht hinreichend verfügbar.
Körperliche Einschränkungen
Dass man im Alter körperliche Beschwerden entwickelt, ist ganz normal. Auch neurotypische Menschen bekommen irgendwann die ersten „Zipperlein“. Bei neurodivergenten Menschen sind Sport & Bewegung jedoch oft eine wichtige Kompensation für ihre Symptome. Je weniger es ihnen möglich ist, Sport und Bewegung als Ausgleich zu treiben, desto weniger gelingt es ihnen, ihre Symptome zu kontrollieren und sich ihrer Umwelt anzupassen. Außerdem haben Betroffene ein signifikant höheres Risiko für neurodegenerative Erkrankungen und eine durchschnittlich sehr niedrige Lebenserwartung.
Isolation und Einsamkeit
Ü50-ADHS-Patienten leben häufig allein, haben eine erhöhte Scheidungsrate und sind öfter von Arbeitslosigkeit betroffen. Sie haben eine schlechtere Lebensqualität. Autisten fällt es im Alter oft noch schwerer, sich auf soziale Interaktionen einzulassen, Empathie zu zeigen oder Gestik und Mimik anderer richtig zu interpretieren. Daher benötigen ältere Neurodivergente eigentlich mehr Aufmerksamkeit, mehr Therapie und mehr Ansprache als in jungen Jahren – bekommen aber weniger oder gar keine.
Selbsthilfe jetzt statt warten auf das System!
Als echte Boomer und Gen-Xler wissen wir Mitglieder der Wohnzimmer Neurodivers e.V. -Community natürlich schon lange, dass das Leben kein Wunschkonzert ist, und lassen uns das Älterwerden nicht verderben! Deshalb haben wir im Wohnzimmer Neurodivers e.V. eine Selbsthilfegruppe für ältere Menschen im neurodivergenten Spektrum als Online-Angebot gegründet. Mit viel gegenseitiger Empathie, Vertrauen und Humor entsteht hier eine tolle Möglichkeit für Ältere, sich unkompliziert und individuell einzubringen, auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen. Es besteht ein großes Interesse an der Gruppe für Golden Ager aus dem Spektrum.
Übrigens: Wir suchen für unsere wachsende digitale Ü50-Selbsthilfe-Gruppe dringend Gruppen-Admins und Leute, die Lust haben, Online-Meetings zu begleiten und zu moderieren. Vorkenntnisse sind hierfür nicht notwendig, wir zeigen dir alles, was du brauchst. Bei Interesse melde dich gern direkt in der Gruppe im Forum.
Quellen:
- Praus P. et al.: Epidemiologie, Diagnostik und Therapie der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) im höheren Lebensalter (PMC10620251
- Wudy S. et al.: Behandlung einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im höheren Lebensalter – Für ADHS ist es nie zu spät (PMC12058812)
- Michielsen M. et al.: Beziehungen zwischen ADHS und sozialem Funktionieren und Teilhabe bei älteren Erwachsenen (DOI:10.1177/1087054713515748)
- Kooij JJ, Michielsen M, Kruithof H. et al.: ADHD in old age: a review of the literature and proposal for assessment and treatment (DOI:10.1080/14737175.2016.1204914)
- Callahan BL, Ramakrishnan N, Shammi P. et al.: Cognitive and neuroimaging profiles of older adults with ADHD presenting to a memory clinic(DOI:10.1177/10870547211060546)
- Brod M, Schmitt E, Goodwin M. et al.: ADHD burden of illness in older adults: a life course perspective (DOI:10.1007/s11136-011-9981-9)