Virtuelle Realität (VR) gilt seit einigen Jahren als eine der spannendsten Technologien im therapeutischen Bereich. Besonders im Kontext von Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) weckt VR große Hoffnungen. Die Idee klingt vielversprechend: Eine kontrollierbare, sichere und anpassbare Umgebung, in der soziale Situationen, Emotionen oder Alltagsanforderungen geübt werden können, und das ohne den oft überwältigenden Stress der realen Welt. Doch wie gut funktioniert das tatsächlich? Interessante Antworten auf diese Frage lieferten im Jahr 2024 Forschende der Universität New Dehli in Indien, indem sie im Rahmen einer sogenannten Metaanalyse Ergebnisse mehrerer Studien zum Thema zusammenfassten und statistisch neu auswerteten.
Lisa-Marie Schöpf
Ziel dieser Untersuchung war es, herauszufinden, welchen Einfluss interaktive Lernprogramme (auch immersive VR-Trainings genannt) auf kognitive, soziale und emotionale Fähigkeiten bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im Autismus-Spektrum haben.
Warum VR gerade bei Autismus interessant ist
Insbesondere die folgenden drei Bereiche zählen bei Menschen im Autismus-Spektrum zu besagten Herausforderungen:
- soziale Interaktion
- Emotionserkennung
- Flexibilität und kognitive Verarbeitung
Gleichzeitig zeigt die Forschung seit Langem, dass viele Betroffene stark visuell orientiert sind. VR setzt also genau hier an: Sie bietet visuelle, interaktive und wiederholbare Lernumgebungen. Ein zentraler Vorteil dabei:
- Situationen können beliebig oft geübt werden
- Reize lassen sich kontrollieren
- Schwierigkeit kann angepasst werden
Dadurch werden soziale Interaktionen deutlich berechenbarer, die im echten Leben für viele Betroffene stressig oder schwer einzuschätzen sind.
Was wurde untersucht?
Um ihre Metaanalyse durchführen zu können, konzentrierten sich die Forschenden aus Neu Dehli ausschließlich auf Studien die:
- stichprobenartig und kontrolliert durchgeführt worden waren
- mit diagnostizierten Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren sowie diagnostizierten Erwachsenen durchgeführt worden waren
- bei denen tatsächliche interaktive Lernprogramme mit VR zum Einsatz kamen (keine »einfachen« Computerspiele)
- bei denen Messungen von kognitiven, sozialen oder emotionalen Fähigkeiten durchgeführt worden waren
Die Studien wurden mittels einer umfangreichen Datenbanksuche ausgesucht. Insgesamt erfüllten sechs Studien die eben genannten Kriterien, und es wurden 422 Kinder, Jugendliche sowie Erwachsene untersucht.
Was bedeutet »immersive VR«?
Immersive VR beschreibt eine Technologie, bei der Personen mithilfe von VR-Brillen oder projektionsbasierter Räume vollständig in eine computergenerierte Umgebung eintauchen. Durch visuelle, akustische und bewegungsbezogene Reize entsteht der Eindruck, tatsächlich Teil dieser virtuellen Welt zu sein. Dadurch können Situationen realitätsnah simuliert und aktiv erlebt werden, anstatt sie lediglich auf einem Bildschirm zu beobachten.
Die wichtigsten Ergebnisse
Insgesamt zeigen die Ergebnisse der Metaanalyse, dass immersive VR-Trainings positive Effekte auf soziale, emotionale und kognitive Fähigkeiten von Personen im Autismus-Spektrum haben können. Im Folgenden werden die Ergebnisse in diesen drei Bereichen genauer vorgestellt.
Emotionale Fähigkeiten
Eigene Gefühle erkennen, verstehen, auszudrücken und zu regulieren, sind ebenso emotionale Fähigkeiten, wie das Erkennen derselben bei Mitmenschen. In all diesen Bereichen zeigte sich ein klar positiver Effekt. So verbesserten Personen im Autismus-Spektrum, die VR-Trainings erhielten, sich signifikant bei:
- Emotionserkennung
- emotionalem Verständnis
- emotionalen Reaktionen
Die Wirksamkeit war hoch, was auf einen deutlichen Unterschied zwischen VR- und Kontrollgruppen Betroffener ohne VR-Training hinweist.
Soziale Fähigkeiten
Auch soziale Kompetenzen wie beispielsweise die Fähigkeit, aktiv zuzuhören, Probleme zu lösen oder das eigene Verhalten kritisch zu hinterfragen, profitierten. Verbesserungen zeigten sich bei:
- sozialer Interaktion
- sozialer Anpassung
- sozialer Reziprozität
Eine Verbesserung war statistisch deutlich zu erkennen, allerdings etwas moderater als bei den emotionalen Fähigkeiten.
Kognitive Fähigkeiten
Da nicht ausreichend vergleichbare numerische Daten zu kognitiven Fähigkeiten, also geistigen Prozessen, aus den mit einbezogenen Einzelstudien vorlagen, konnte das Forschungsteam aus Neu Dehli keine messbaren Daten für die Metaanalyse erfassen. Generell besagten die Einzelstudien aber übereinstimmend, dass sich auch hier die Aufmerksamkeit, die kognitive Flexibilität und die kognitive Verarbeitung bei den Probanden verbessert hatte.
Warum die Ergebnisse vorsichtig interpretiert werden sollten
Auch wenn die Ergebnisse vielversprechend sind, weist die Metaanalyse methodische Einschränkungen auf:
- die einbezogenen Studien unterschieden sich stark voneinander
- sechs Studien sind im Groß eine verhältnismäßig kleine Stichprobe
Das bedeutet jedoch nicht, dass die Ergebnisse falsch sind. Allerdings variieren die Effekte stark zwischen den Studien.
Ausblick und Fazit
Die Entwicklung von VR schreitet rasant voran. Mit immer realistischeren Simulationen und besserer Bewegungs- und Emotionserkennung könnten zukünftige VR-Systeme noch stärker auf individuelle Bedürfnisse eingehen. Dadurch könnte sich VR langfristig zu einem wichtigen Trainingsraum entwickeln, in dem vor allem soziale und emotionale Fähigkeiten schrittweise aufgebaut werden, bevor sie im realen Alltag angewendet werden. Ob und wie stark diese Technologie die Autismus-Therapie verändern wird, hängt jedoch davon ab, wie gut zukünftige Forschung ihre Wirksamkeit belegen kann.
Quelle
Mittal, P., Bhadania, M., Tondak, N., Ajmera, P., Ajmera, P., Yadav, S., Kukreti, A., Kalra, S., Ajmera, P. & Ajmera, P. (2024). Effect of immersive virtual reality-based training on cognitive, social, and emotional skills in children and adolescents with autism spectrum disorder: A meta-analysis of randomized controlled trials. Research in Developmental Disabilities, 151, 104771. https://doi.org/10.1016/j.ridd.2024.104771
Hinweis
Lisa-Marie Schöpf bereitet ehrenamtlich die Inhalte wissenschaftlicher Studien für uns auf. Ziel ist es, Betroffene auf möglichst verständliche Art und Weise über Aktuelles aus Psychiatrie, Psychotherapie, Medizin und Forschung zu informieren.