Eine aktuelle Studie von Österreichischen Forschenden aus dem Jahr 2026 zeichnet ein provokantes Bild: Vor allem junge, akademisch gebildete Frauen mit hoher Online-Aktivität würden heute vermehrt mit Selbstdiagnosen oder dem Wunsch nach einer bestimmten psychiatrischen Diagnose in psychologische Abklärungen kommen. Besonders häufig gewünscht seien ADHS und Autismus. Laut den befragten Personen, die in der klinischen Psychologie tätig sind, gehe es dabei oft weniger um Behandlung als um Identität, Zugehörigkeit oder soziale Anerkennung. Doch diese Ergebnisse stehen in einem deutlichen Widerspruch zu der bestehenden Forschung: Frauen mit ADHS oder Autismus werden bis heute systematisch übersehen, fehldiagnostiziert oder erst spät erkannt.
Von Lisa-Marie Schöpf
Stichprobe und Methodik
Die Studie selbst untersuchte die Auffassung von 93 Fachpersonen, die im Bereich der klinische Psychologie in Österreich tätig sind. Die Forschenden wollten herausfinden, ob Selbstdiagnosen und sogenannte „gewünschte Diagnosen“ zunehmen und wie diese den diagnostischen Prozess beeinflussen. Die Hypothesen lauteten, dass diese Fachpersonen heute häufiger Betroffene mit Selbstdiagnosen begegnen und häufiger Personen sehen, die gezielt eine bestimmte Diagnose erhalten möchten. Zusätzlich fragte die Studie, welche Diagnosen besonders häufig betroffen sind, welche Motive dahinter vermutet werden und welche Auswirkungen dies auf die Diagnostik habe.
Methodisch handelte es sich um eine Online-Befragung mit quantitativen und qualitativen Anteilen. Die psychotherapeutisch tätigen Personen bewerteten auf Skalen, ob bestimmte Phänomene häufiger geworden seien, und beantworteten offene Fragen zu ihren Erfahrungen in der Praxis. Dies ergab, dass eine Mehrheit der Befragten sowohl Selbstdiagnosen als auch Wunschdiagnosen als zunehmend wahrnehmen. ADHS und Autismus seien dabei besonders erwünscht.
In den Ergebnissen werden drei Merkmale aufgelistet, die bei Personen mit Selbst- oder Wunschdiagnosen beobachtet werden können:
- Weiblich
- Höher gebildet
- Hohe Online-Aktivität
Kritische Betrachtung
Diese Ergebnisse müssen jedoch kritisch beleuchtet werden.
Denn die Forschung zu Frauen mit ADHS und Autismus zeigt seit Jahren ein anderes Bild. Frauen lernen häufig früh, ihre Symptome zu maskieren, was auch Camouflaging bezeichnet wird. Dabei werden soziale Verhaltensweisen bewusst nachgeahmt, Schwierigkeiten versteckt und auffällige Symptome kompensiert. Gerade autistische Frauen gelten deshalb diagnostisch oft als „unsichtbar“. Viele erhalten ihre Diagnose erst im Erwachsenenalter, nachdem sie jahrelang psychisch belastet waren.
Hinzu kommt, dass diagnostische Kriterien historisch stark an männlichen Präsentationsformen orientiert wurden. Besonders bei Autismus wurden Mädchen lange nur dann erkannt, wenn zusätzlich deutliche Sprachprobleme, Intelligenzminderungen oder schwere Verhaltensauffälligkeiten vorlagen. Deshalb muss es nicht bedeuten, dass Diagnosen von akademisch erfolgreichen Frauen erwünscht werden, sondern dass sie bislang übersehen wurden.
Auch das in der Forschung bekannte „Pretending to be normal“ widerspricht der Darstellung der Studie deutlich. Viele Frauen berichten gerade nicht davon, offen neurodivergent auftreten zu wollen, sondern ihr ganzes Leben versucht zu haben, möglichst unauffällig und „normal“ zu wirken. Die enorme psychische Belastung hinter diesem dauerhaften Anpassungsdruck wird in der Studie nicht berücksichtigt.
Zudem enthält die Studie methodische Schwächen. Die Studie untersucht nicht die Perspektive betroffener Frauen selbst, sondern ausschließlich subjektive Wahrnehmungen aus dem psychotherapeutischen Praxisalltag. Aussagen wie „weiblich“, „hoch gebildet“ oder „stark online aktiv“ basieren nicht auf objektiven Daten Betroffener, sondern auf Eindrücken der Befragten. Trotzdem ziehen die Forschenden daraus weitreichende gesellschaftliche Schlüsse über Identitätssuche, soziale Anerkennung und mögliche Überidentifikation mit Diagnosen.
Ein weiterer methodischer Schwachpunkt der Studie ist die Darstellung extremer Einzelfälle in der qualitativen Erhebung. Berichte über „Diagnosis Shopping“, juristischen Drohungen oder aggressivem Verhalten von Personen, die keine Diagnose von den Fachpersonen erhalten. Auch dadurch wird er Eindruck erweckt, dass junge Fragen die Diagnosen vorwiegend aus sozialen und identitätsbezogenen Gründen suchen.
Auch das Merkmal der Aktivität auf Social Media könnte eine andere Funktion erfüllen. Für viele spät diagnostizierte Frauen sind Plattformen wie TikTok oder Instagram oft der erste Ort, an dem sie überhaupt erkennen, dass ihre lebenslangen Schwierigkeiten einen Namen haben könnten. Online-Inhalte können Fehlinformationen verbreiten, aber sie können ebenso Aufklärung in einem Versorgungssystem ermöglichen, das weibliche Neurodivergenz jahrzehntelang übersehen hat.
Die entscheidende Frage lautet deshalb vielleicht nicht, warum sich plötzlich so viele Frauen diagnostizieren lassen wollen. Sondern warum so viele von ihnen überhaupt erst im Erwachsenenalter erkannt werden.
Hauptquelle
Neumann, M., Steiner-Hofbauer, V., Aigner, M., Höflich, A., Holzinger, A. & Mittmann, G. (2025). Increasing self- and desired psychiatric diagnoses among emerging adults: Mixed-methods insights from clinical psychologists. International Journal Of Clinical And Health Psychology, 26(1), 100661.
Ergänzende Literatur
Bargiela, S., Steward, R. & Mandy, W. (2016). The Experiences of Late-diagnosed Women with Autism Spectrum Conditions: An Investigation of the Female Autism Phenotype. Journal Of Autism And Developmental Disorders, 46(10), 3281–3294.
Lai, M., Lombardo, M. V., Auyeung, B., Chakrabarti, B. & Baron-Cohen, S. (2014). Sex/Gender Differences and Autism: Setting the Scene for Future Research. Journal Of The American Academy Of Child & Adolescent Psychiatry, 54(1), 11–24.
Milner, V., Colvert, E., Hull, L., Cook, J., Ali, D., Mandy, W. & Happé, F. (2023). Does camouflaging predict age at autism diagnosis? A comparison of autistic men and women. Autism Research, 17(3), 626–636.
Hinweis
Lisa-Marie Schöpf bereitet ehrenamtlich die Inhalte wissenschaftlicher Studien für uns auf. Ziel ist es, Betroffene auf möglichst verständliche Art und Weise über Aktuelles aus Psychiatrie, Psychotherapie, Medizin und Forschung zu informieren.