Autismus gilt in unserer Gesellschaft leider noch immer oft als typisches „Jungending“. Ohne Hintergrundwissen zum Thema, haben viele daher nicht selten das alte, klischeebehaftete Bild eines in sich gekehrten, männlichen Genies im Kopf, wenn sie sich Menschen im Autismus-Spektrum vorstellen. Basierend auf bisherigen Studienergebnissen gingen Forschende davon aus, dass auf ein autistisches Mädchen bis zu vier autistische Jungen kommen. Erfreulicherweise gerät dieses Bild nun zunehmend ins Wanken. So trägt eine umfangreiche Studie aus Schweden, die kürzlich im British Medical Journal erschienen ist, dazu bei, dass die bisherigen Zahlen und die darauf fußenden Vorstellungen bald der Vergangenheit angehören könnten. Es ist eine längst überfällige Entwicklung, dass Autistinnen endlich die Aufmerksamkeit bekommen, die ihnen zusteht.
Von Antonia Gertz
Zahlen, die die Forschung prägen
Ein Forschungsteam aus Schweden analysierte die Daten von über 2,75 Millionen jungen Menschen, die zwischen 1985 und 2020 geboren wurden. Es ist anzumerken, dass sich bei dem Untersuchungsprozess auf das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht konzentriert wurde. In diesem Untersuchungszeitraum erhielten beinahe 78.500 der untersuchten Personen eine Diagnose aus dem Autismus-Spektrum. Die Forschenden stellten dabei fest, dass sich die Gesamtzahl der gestellten Diagnosen über die Jahre etwa verzehnfacht hat. Das verdeutlicht, dass unser Verständnis von Neurodiversität enorm gewachsen ist. Autismus wird heute als vielschichtiges Spektrum wahrgenommen und die Diagnosekriterien wurden sinnvoll erweitert.
Der Aufholeffekt
Das wohl spannendste – und auch emotionalste – Ergebnis der Studie betrifft die Geschlechterverteilung. Die Forschenden entdeckten einen starken sogenannten „Aufholeffekt“ bei der weiblichen Kohorte. Während heranwachsende männliche Kinder meist recht früh auffallen und die meisten Diagnosen im Alter von 10 bis 14 Jahren gestellt werden, passiert das bei weiblichen Personen wesentlich später. Bei dieser Gruppe liegt der Höhepunkt der Diagnosen erst im Alter zwischen 15 und 19 Jahren.
In den erfassten Daten der Jahre 2020 bis 2022 wendete sich das Blatt in der jugendlichen Altersgruppe. Es erhielten deutlich mehr weibliche als männliche Personen eine Autismus-Diagnose: Auf zehn Diagnosen in der weiblichen Kohorte kamen hier nur noch sieben in der männlichen Kohorte. Wissenschaftliche Hochrechnungen, welche die Forschenden während ihrer Datenanalyse für das Jahr 2024 erstellten, ergaben sogar, dass das kumulierte Geschlechterverhältnis (also die Gesamtzahl aller Diagnosen bis zum 20. Lebensjahr) bei 20-jährigen Erwachsenen bereits zu diesem Zeitpunkt komplett ausgeglichen bei eins zu eins gelegen haben dürfte.
Warum bleiben autistische Mädchen so lange unerkannt?
Das Forschungsteam nennt mehrere Gründe für diese stark verzögerten Diagnosen:
- Gerade autistische Mädchen lernen extrem früh, sich stark an ihr soziales Umfeld anzupassen, was auch als Masking (oder Camouflaging) verstanden wird. Sie beobachten genau und ahmen das Verhalten anderer Personen nach, um nicht aufzufallen. Dieses ständige Verstecken der eigenen autistischen Persönlichkeitsmerkmale ist ein unglaublicher Kraftakt, welcher sämtliche Energiereserven ausschöpft. Oft bricht die Überlebensstrategie des Maskings in der Pubertät zusammen, weil die sozialen Anforderungen deutlich komplexer werden und das Aufrechterhalten der neurotypischen Fassade kaum noch möglich ist.
- Darüber hinaus haben rund 70 Prozent der Menschen im Autismus-Spektrum mindestens eine hinzukommende psychische Begleiterkrankung. Bei der weiblichen Kohorte wurden auffällig oft zuerst Angststörungen, Depressionen oder Essstörungen diagnostiziert. Diese psychologischen Erstdiagnosen verdecken dann leider oft den Blick auf den eigentlichen Autismus – ein folgenschwerer Fehler im medizinischen System, da dadurch richtige Unterstützung oft über Jahre hinweg nicht gewährt wird. Die klassischen Tests und Kriterien wurden zudem früher fast ausschließlich durch die Beobachtung von Jungen entwickelt. Anzeichen wie die der weiblichen Kohorte, die im Alltag unauffälliger wirken oder durch Masking kompensiert werden, fallen dadurch bei Fachpersonen schnell durch das Raster.
- Es wird zudem diskutiert, ob bei Mädchen und jungen Frauen eine höhere genetische Veranlagung vorliegen muss, damit Autismus überhaupt nach außen hin sichtbar wird. Dies nennt man den sogenannten weiblichen Schutz-Effekt. Gleichzeitig zeigen die Daten, dass junge Frauen im Erwachsenenalter oft viel selbstständiger nach medizinischer oder psychologischer Hilfe suchen als junge Männer, was diese Welle an späten Diagnosen zusätzlich begünstigt.
Was bedeutet das für die Zukunft?
Es ist zwingend notwendig, dass Fachpersonen für die speziellen Ausprägungen des Autismus weiblich gelesener Personen geschult werden. Keine Person sollte jahrelang verzweifelt nach Antworten suchen müssen, weshalb eine angepasste Diagnostik längst überfällig ist. Eine rechtzeitige Diagnose bedeutet nicht nur einen wichtigen Zugang zu passender Unterstützung, sondern vor allem die Chance, sich selbst endlich zu verstehen. Die Ergebnisse dieser Studie machen große Hoffnung, dass künftige Generationen von autistischen weiblich gelesenen Personen nicht mehr im Schatten stehen müssen.
Originalpublikation
Fyfe, Caroline; Winell, Henric; Dougherty, Joseph; u. a. (2026): Time trends in the male to female ratio for autism incidence: population based, prospectively collected, birth cohort study, in: BMJ, Jg. 392, S. e084164, doi: 10.1136/bmj-2025-084164.
Hinweis
Antonia Gertz bereitet ehrenamtlich die Inhalte wissenschaftlicher Studien für uns auf. Ziel ist es, Betroffene auf möglichst verständliche Art und Weise über Aktuelles aus Psychiatrie, Psychotherapie, Medizin und Forschung zu informieren.