von Nicole Terrée
Rejection Sensitive Dysphoria, kurz RSD, ist im Zusammenhang mit ADHS inzwischen ein geläufiger Begriff. Man findet ihn in sozialen Medien, Podcasts und Ratgebern. Mittlerweile verwenden ihn auch Fachärzt:innen und Psychotherapeut:innen. Dadurch kann leicht der Eindruck entstehen, RSD sei ein wissenschaftlich gut belegtes Merkmal von ADHS.
Die Forschung gibt das bisher nicht her.
In unserer Verbandsarbeit erleben wir die Folgen davon ganz konkret. Uns begegnen neurodivergente Personen, die davon ausgehen, RSD zu haben. Einige suchen gezielt nach Medikamenten, die dagegen helfen sollen. Deshalb lohnt sich ein genauerer Blick darauf, woher der Begriff kommt und was wissenschaftlich darüber bekannt ist.
Woher kommt der Begriff RSD?
Empfindlichkeit gegenüber Zurückweisung ist keine neue Entdeckung. Rejection Sensitivity wird in der Psychologie schon seit Jahrzehnten untersucht.
Die heute verbreitete Vorstellung von RSD geht wesentlich auf den US-amerikanischen Psychiater William Dodson zurück. Er entwickelte sein Konzept aus seinen klinischen Erfahrungen mit ADHS-Personen und machte den Begriff insbesondere ab Mitte der 2010er-Jahre bekannt.
Dodson beschreibt RSD als extreme emotionale Reaktion auf tatsächliche oder vermeintliche Zurückweisung und Kritik. Er geht davon aus, dass RSD überwiegend genetisch und neurologisch bedingt und eng mit ADHS verbunden sei. Psychotherapeutische Ansätze hält er für wenig wirksam. Zur Behandlung empfiehlt er insbesondere Guanfacin und Clonidin. Auch Tranylcypromin hat er als Behandlungsoption beschrieben.
Das sind sehr konkrete Aussagen über Ursache und Behandlung. Dafür müsste zunächst gezeigt werden, dass RSD tatsächlich ein eigenständiges Phänomen ist, wie es definiert und gemessen werden kann und was es von bereits bekannten Konzepten unterscheidet. Diese Grundlage gibt es bislang nicht.
Was kann hinter starker Zurückweisungsempfindlichkeit stehen?
Man braucht keine neue genetische Hypothese, um vieles von dem zu verstehen, was heute unter RSD beschrieben wird.
Wer schon früh merkt, anders zu sein, erlebt häufig auch die Reaktionen darauf. Das eigene Verhalten wird nicht verstanden, man fällt auf oder gehört nicht richtig dazu. Manche neurodivergente Personen werden immer wieder kritisiert, erleben Ausgrenzung oder Mobbing.
Solche Erfahrungen können beeinflussen, was wir später von anderen erwarten. Wer häufig Zurückweisung erlebt hat, kann auch in neuen Situationen schneller damit rechnen. Eine knappe Nachricht oder eine kritische Rückmeldung bekommt dann möglicherweise eine andere Bedeutung.
Dazu gibt es ein seit Langem untersuchtes Konzept: Rejection Sensitivity, also Zurückweisungssensitivität. Downey und Feldman beschrieben bereits 1996, wie die Erwartung von Zurückweisung die Wahrnehmung und Bewertung sozialer Situationen beeinflussen kann.
Auch Zusammenhänge mit ADHS wurden untersucht. Bondü und Esser fanden bei mehr als 1.200 Kindern und Jugendlichen Zusammenhänge zwischen ADHS-Symptomen und erhöhter Rejection Sensitivity. Eine qualitative Studie von Rowney-Smith und Kolleg:innen beschäftigt sich ebenfalls mit dem Erleben von Rejection Sensitivity bei ADHS-Personen.
Bei ADHS kommt die Emotionsregulation hinzu. Schwierigkeiten in diesem Bereich sind seit vielen Jahren gut untersucht. Wird eine Situation als Ablehnung erlebt, kann die ausgelöste Emotion sehr intensiv sein und länger nachwirken.
Auch bei autistischen Personen wird Rejection Sensitivity untersucht. Van Asselt und Kolleg:innen beschrieben 2025 in Interviews teilweise sehr starke emotionale und körperliche Reaktionen auf Zurückweisung. Dabei spielten auch frühere Erfahrungen und der jeweilige Kontext eine Rolle.
Das erklärt nicht jede Person und jede Situation. Es zeigt aber, dass es bereits wissenschaftlich untersuchte Ansätze gibt, mit denen sich solche Erfahrungen verstehen lassen.
Was wissen wir über RSD selbst?
Gemessen daran, wie selbstverständlich der Begriff inzwischen verwendet wird, erstaunlich wenig.
2026 haben van Asselt, Reekers und Roke die vorhandene Forschung in einer Scoping Review zusammengetragen. RSD wird darin ausdrücklich als bislang nicht etabliertes Forschungskonstrukt bezeichnet. Definitionen und Messmethoden sind uneinheitlich. Auch die Frage, ob die beschriebenen Reaktionen überhaupt ein eigenständiges RSD-Konstrukt rechtfertigen, ist weiterhin offen.
Das ist auch ein Grund dafür, warum sich RSD nicht einfach wie ein bereits klar definiertes Syndrom untersuchen lässt. Zunächst müsste geklärt werden, was genau damit gemeint ist. Wo liegt die Grenze zur Rejection Sensitivity? Welche Rolle spielt emotionale Dysregulation? Welche Merkmale wären tatsächlich spezifisch für RSD?
Solange diese Fragen nicht geklärt sind, stehen auch Behauptungen über eine besondere genetische oder neurologische Ursache auf unsicherem Boden.
Bemerkenswert ist dabei die Geschichte des Begriffs. Dodson popularisierte RSD etwa ab 2016 vor allem über Vorträge, Webinare und Beiträge in ADHS-Medien. Seine große Bekanntheit entstand also nicht aufgrund einer entsprechenden wissenschaftlichen Forschung. In den folgenden Jahren verbreitete sich der Begriff insbesondere online sehr stark.
Warum der Begriff so gut angenommen wird
Das ist durchaus nachvollziehbar. RSD gibt einer Erfahrung einen Namen, für die viele vorher keine Worte hatten. Wer nach Kritik lange grübelt oder eine Ablehnung als extrem schmerzhaft erlebt, erkennt sich schnell in den Beschreibungen wieder.
Gleichzeitig bietet RSD eine einfache Erklärung: Das gehört zu meinem ADHS und ist neurologisch bedingt.
Das kann entlastend wirken. Die tatsächlichen Zusammenhänge können sehr viel komplizierter sein. Zurückweisungssensitivität, Emotionsregulation, bisherige Erfahrungen und die jeweilige Situation können gemeinsam eine Rolle spielen.
Dass eine Beschreibung sehr gut zum eigenen Erleben passt, sagt noch nichts darüber aus, ob die dazu angebotene Erklärung wissenschaftlich stimmt.
Problematisch wird es bei der Behandlung
In unserer Verbandsarbeit erleben wir inzwischen neurodivergente Personen, die gezielt nach Guanfacin oder Clonidin fragen, weil sie damit ihre vermeintliche RSD behandeln möchten.
Diese Medikamente haben medizinische Einsatzgebiete und können für einzelne Personen sinnvoll sein. Eine spezifische medikamentöse Behandlung eines wissenschaftlich validierten RSD-Konstrukts ist jedoch nicht belegt. Auch für Tranylcypromin gibt es keine entsprechende Evidenz als spezifische RSD-Behandlung.
Besonders kritisch sehen wir, dass RSD inzwischen auch von Fachärzt:innen und Psychotherapeut:innen teilweise ohne Einordnung verwendet wird. Wenn eine behandelnde Fachperson Beschwerden als „RSD“ bezeichnet, bekommt der Begriff eine fachliche Autorität, die der derzeitige Forschungsstand nicht hergibt.
Problematisch ist dabei vor allem die Kombination der Aussagen: RSD sei angeboren und neurologisch bedingt, psychotherapeutisch kaum beeinflussbar und bestimmte Medikamente könnten gezielt helfen. So kann eine bislang unzureichend belegte Hypothese ganz konkrete Auswirkungen darauf bekommen, wie neurodivergente Personen ihre Schwierigkeiten verstehen und welche Behandlung sie suchen.
Unsere Einschätzung
Starke Reaktionen auf Kritik und Zurückweisung können enorm belastend sein und verdienen eine sorgfältige Einordnung.
Mit Rejection Sensitivity gibt es ein seit Jahrzehnten untersuchtes Konzept. Auch emotionale Dysregulation bei ADHS ist gut erforscht. Dazu kommen individuelle Erfahrungen. Wer immer wieder erlebt hat, anders zu sein, missverstanden oder abgelehnt zu werden, kann solche Erfahrungen in spätere Situationen mitnehmen.
Wie diese Faktoren zusammenspielen, wird nicht bei allen Personen gleich sein.
Für RSD als eigenständiges, überwiegend genetisch und neurologisch bedingtes ADHS-Phänomen fehlt dagegen bislang eine überzeugende wissenschaftliche Grundlage. Ebenso wenig lässt sich aus dem derzeitigen Forschungsstand eine spezifische medikamentöse Behandlung ableiten.
Dass RSD trotzdem inzwischen von Betroffenen und teilweise auch von Fachpersonen wie gesichertes Wissen behandelt wird, sehen wir deshalb sehr kritisch.
Literatur
Downey, G. & Feldman, S. I. (1996). Implications of rejection sensitivity for intimate relationships. Journal of Personality and Social Psychology, 70(6), 1327–1343.
Shaw, P., Stringaris, A., Nigg, J. & Leibenluft, E. (2014). Emotion dysregulation in attention deficit hyperactivity disorder. American Journal of Psychiatry, 171(3), 276–293.
Bondü, R. & Esser, G. (2015). Justice and rejection sensitivity in children and adolescents with ADHD symptoms. European Child & Adolescent Psychiatry, 24, 185–198.
van Asselt, A., Roke, Y., Begeer, S. & Scheeren, A. M. (2025). ‘Feeling constantly kicked down’: A qualitative phenomenological study exploring rejection sensitivity in autistic adults. Autism, 29(11), 2703–2714.
Rowney-Smith, A., Sutton, B., Quadt, L. & Eccles, J. A. (2026). The lived experiences of rejection sensitivity in ADHD – A qualitative exploration. PLOS ONE.
van Asselt, A. (2026). Rejection sensitivity dysphoria: a critical reflection. Tijdschrift voor Psychiatrie, 68(3), 127–130.
van Asselt, A., Reekers, D. & Roke, Y. (2026). Rejection Sensitivity Dysphoria in Autistic Adults: A Scoping Review. Neurodiversity, 4.