In Deutschland besteht die Schulpflicht. Wer fernbleibt, bekommt unabhängig vom Grund dafür, Strafen. Für Betroffene Kinder und Jugendliche im Autismus-Spektrum kann dies zur Herausforderung werden. Viele sehen sich mit der Frage konfrontiert, wie sie die “Hölle Schule” als autistische Person aushalten sollen. Denn alle Reize gehen ungefiltert in den Körper – da braucht es Hilfen von außen.
Von Katharina Meyn
Gerade in Schulen, die für autistische Personen oft allein schon baulich unangenehm sind, müssen Barrieren intensiver abgebaut werden. Daher hat das unter anderem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Verbund-Projekt SchAUT in den Jahren 2021 bis 2024 untersucht, wie sich unter anderem die Reizüberflutung an Schulen verringern lassen lässt.
Was ebendiese Reizüberflutung genau bedeutet, ist für nicht betroffene Personen oftmals schwer greifbar. Insbesondere in den Bereichen Schule und Lernen scheint Reizüberflutung für neurodiverse Personen eine tragende Rolle zu spielen. So treten dort unterschiedliche Barrieren auf, welche unter anderem Auslöser dafür sein können, dass es Probleme beim Lernen und Verarbeiten von Informationen gibt, dass die Schule nur ungern besucht wird oder dass der Schulabschluss eventuell nicht so absolviert werden kann, wie es in einer reizarmen Umgebung der Fall wäre.
Handreichung zur barrieresensiblen Schulgestaltung
Nicht betroffenen Personen sind diese Barrieren oft nicht bewusst. Um dem entgegenzuwirken, wurde von der Forschungsgruppe schAUT die kostenfreie Handreichung zur barrieresensiblen Schulgestaltung einwickelt.
Im ersten Teil der Handreichung geht es unter anderem um die Stärken von Menschen im Autismus-Spektrum. Zudem gibt es schAUT-Barrierefragebögen, mit denen Betroffene eine Selbsteinschätzung zur eigenen Lage an einer Schule durchführen können. Weiterhin finden sich in der Handreichung Informationen zum Konzept der Neurodiversität und vieles mehr.
Der zentrale Aspekt der Handreichung fokussiert auf 25 unterschiedlichsten Barrieren, mit denen sich autistische Personen an Schulen konfrontiert sehen können. In jeweils einzelnen, übersichtlichen Kapiteln wird immer zunächst eine Barriere geschildert. In einem nächsten Schritt wird diese Barriere theoretisch erklärt. Der dritte Schritt umfasst Lösungsvorschläge zum Abbau dieser Barriere, die allesamt von Menschen im Autismus-Spektrum und auch von Lehrkräften stammen.
Barriere-Beispiel: Geräusche aus der Menschenwelt
Auf den Seiten 34 bis 35 der Handreichung geht es beispielsweise um die Barriere Geräusche aus der Menschenwelt. Diese Barriere wird zunächst bildlich mithilfe einer Grafik dargestellt. Ein farblicher Kasten, der „Items“ genannt wird, zeigt in einer Aufzählung kurz ein paar Beispiele für mögliche Barrieren in Form von Geräuschen auf. In einem kurzen Fließtext werden einige Beispiele möglicher Geräusche wie Schritte, das Schreien anderer Kinder, das Verrutschen von Stühlen oder das Rauschen des Beamers gegeben. In einem Fließtext wird darauf eingegangen, dass sich nicht Betroffene meist an diese Geräusche gewöhnen können. Auf die Problematik dieser Barriere für autistische Personen wird eingegangen. So macht die Handreichung deutlich, dass sich autistische Menschen in einer entsprechenden Umgebung mit diesen Geräuschen nicht sicher fühlen können und geht darauf ein, was es braucht, dass sich autistische Personen wohler fühlen.
Zu den Vorschlägen von Betroffenen zum Umgang mit Geräuschen durch die Menschenwelt zählt unter anderem die Idee, dass man die Möglichkeit hat, einen Rückzugsraum zu nutzen. Diese Rückzugsräume können Ruheräume oder Bibliotheken sein.
Danach kommt ein weiterer Fließtext, der theoretisch beleuchtet, wie Geräusche auf Menschen wirken. Die Begründungen zeigen auf, dass das Ausmaß der Wirkung sehr individuell ist, und auf jede Person anders wirkt. Menschen im Autismus-Spektrum hingegen scheinen hörbare Reize stärker aufzunehmen, und diese Tatsache kann zu Problemen bei der Konzentration führen und eher Stress und Ängste auslösen.
Ganz am Ende der Handreichung gibt es ein Glossar (S. 148-151). Hier werden wichtige Begriffe der Handreichung erklärt. Somit sind Shutdown, Stimming, Overload und KO-Muster direkt nachlesbar.
Für wen ist die Handreichung geeignet?
Die Handreichung ist wirklich schön aufgebaut. Jede Seite hat eine angenehme Struktur, der man die wichtigsten Inhalte schnell entnehmen kann. Die wichtigsten Inhalte sind farblich markiert und in Stichworten aufgeführt. Die Barrieren werden durch Bilder dargestellt. Zudem werden auch die Barrieren als eine Kurzinfo farblich dargestellt.
Die Handreichung ist für Lehrekräfte, Ausbildende, Eltern, Schulbauentwickler und jeden, den es interessiert, geeignet. Selbstverständlich ist die Handreichung auch für Personen aus den neurodiversen Spektren interessant – sich selbst nochmal einordnen zu können oder auch Ideen zum Abbau einer Barriere zu finden, die man noch nicht kannte, kann sehr wohltuend sein.
Allgemein kann die Handreichung dazu dienen, mehr Verständnis zu schaffen. Auf den insgesamt 153 Seiten bündelt sie Wissen, welches man schnell per Link versenden kann.
Entwickelt mit Betroffenen
Besonders positiv hervorzuheben ist die Zusammensetzung der Forschungsgruppe: Denn neben den Forschenden waren auch autistische Personen Teil des Projektes. So war White Unicorn ein Teil des Teams. Die Personen von White Unicorn setzen sich unter anderem für ein barrierefreies und autistenfreundliches Umfeld ein, und tragen dazu bei, Sozialräume aktiv mitzugestalten. schAUT spricht also nicht nur über Autismus, es lässt auch Betroffene selbst zu Wort kommen.
Digitale Medien
Neben der Handreichung finden sich auf der Seite des Projektes schAUT auch unterschiedliche Videos. Dabei handelt es sich unter anderem um Fortbildungsmodule zum Thema barrieresensensible Schulentwicklung, die zur Aufklärung folgender Themen beitragen sollen: Neurodiversität, Schulentwicklung und Autismus sowie Tutorials für die Arbeit mit dem schAUT-Barrierenbogen und der Handreichung und schAUT-S.
Hinweis
Katharina Meyn bereitet ehrenamtlich die Inhalte wissenschaftlicher Studien für uns auf. Ziel ist es, Betroffene auf möglichst verständliche Art und Weise über Aktuelles aus Psychiatrie, Psychotherapie, Medizin und Forschung zu informieren.