von Nicole Terrée
Auch aus Gesprächen und Communities kennen wir Menschen, die neurodivergent und zugleich queer sind. Inzwischen gibt es auch wissenschaftliche Untersuchungen zu dieser Überschneidung. Wie belastbar die Daten sind, hängt allerdings stark davon ab, welcher Zusammenhang untersucht wird. Zu Autismus liegen große Studien vor, zu ADHS bislang deutlich weniger.
Sexuelle Orientierung bei autistischen Menschen
Eine größere Untersuchung zur sexuellen Orientierung stammt von Weir, Allison und Baron-Cohen (2021). Die anonyme Online-Befragung umfasste 2.386 Erwachsene zwischen 16 und 90 Jahren, davon 1.183 autistische. Autistische Teilnehmende gaben seltener eine heterosexuelle und häufiger eine asexuelle oder anderweitig nicht-heterosexuelle Orientierung an. Die Autorengruppe verweist selbst auf Grenzen der Übertragbarkeit, weil Selbstauskünfte und kulturelle Prägungen die Ergebnisse beeinflussen und die Befragten nicht alle autistischen Menschen abbilden. Kleinere Vorstudien hatten in dieselbe Richtung gewiesen; die Erhebung stützt das nun mit einer größeren Fallzahl.
Geschlechtsidentität und Diagnosen
Für den Zusammenhang mit Geschlechtsidentität ist die Arbeit von Warrier und Kollegen (2020) maßgeblich. Sie führt fünf unabhängig erhobene Datensätze mit insgesamt 641.860 Personen zusammen. Nach Kontrolle für Alter und Bildungsstand berichteten trans und geschlechtsdiverse Personen darin 3,03- bis 6,36-mal häufiger eine Autismusdiagnose als cisgeschlechtliche Personen.
Die Richtung des Befundes wird oft verdreht. Erhöht ist die Rate der berichteten Autismusdiagnosen unter trans und geschlechtsdiversen Personen, nicht umgekehrt. Da nicht alle autistischen Menschen je eine Diagnose erhalten, erfasst eine Frage nach der Diagnose ohnehin nur einen Teil von ihnen.
Dieselbe Untersuchung fragte auch nach anderen Diagnosen, unter anderem ADHS und Depression. Auch hier berichteten trans und geschlechtsdiverse Personen häufiger eine ADHS-Diagnose. Diese Angaben lagen allerdings nur in einem Teil der Datensätze vor, nicht in allen 641.860 Fällen.
Weniger Daten zu ADHS
Zu ADHS ist die Forschung deutlich dünner als zu Autismus. Zur sexuellen Orientierung gibt es bislang vor allem kleinere, regional begrenzte Studien. Eine davon erschien 2026 in der Fachzeitschrift Research in Neurodiversity und stammt aus Delhi-NCR in Indien. In die Auswertung gingen 1.387 junge Erwachsene ein, für die die nötigen Angaben vorlagen. Untersucht wurde, ob sich sexuelle Orientierung und ein positives ADHS-Screening zusammen häufen. Ein Screening ist dabei kein ärztlicher Befund, sondern ein Fragebogen, der auf mögliche ADHS-Symptome hinweist. Teilnehmende, die sich als lesbisch, schwul oder bisexuell einordneten, hatten in der statistischen Analyse etwa doppelt so hohe Odds für ein positives Screening wie heterosexuelle Teilnehmende (adjustierte Odds Ratio 2,06). Eine Odds Ratio beschreibt dabei nicht direkt eine Verdopplung der Wahrscheinlichkeit.
Die Aussagekraft dieser Studie ist allerdings begrenzt, und das gehört zur Einordnung dazu. Es ging um eine Querschnittsbefragung, also eine Momentaufnahme. Die lesbische, schwule und bisexuelle Gruppe umfasste nur 54 Personen. Erfasst wurden Hinweise aus einem Fragebogen, keine ärztlich gesicherten Diagnosen. Und die Autorengruppe schreibt selbst, dass sich daraus weder eine Ursache noch eine allgemeingültige Aussage ableiten lässt. Kurz: Bei Autismus ist die Überschneidung deutlich besser belegt; bei ADHS liegen bislang wesentlich weniger Daten vor.
Gemeinsam, aber nicht ursächlich
Alle drei Untersuchungen sind Beobachtungsstudien und erlauben keine Aussagen über Ursache und Wirkung. Sie halten fest, dass zwei Merkmale gemeinsam auftreten, klären aber nicht, ob eines das andere bewirkt. Aus ihnen lässt sich weder ableiten, dass Neurodivergenz eine queere Identität verursacht, noch dass eine queere Identität Neurodivergenz verursacht.
Warum sich beides so häufig überschneidet, ist nicht geklärt. Es gibt psychologische, soziale und biologische Vermutungen, aber keine gesicherte Erklärung. Für Autismus wurde die Überschneidung mehrfach und an großen Stichproben beobachtet. Bei ADHS ist die Datengrundlage bisher deutlich schmaler.
Was das für unsere Arbeit bedeutet
Für uns im Wohnzimmer Neurodivers sind diese Zahlen mehr als Statistik. Aus unserer Selbsthilfearbeit kennen wir Situationen, in denen neurodivergente und queere Menschen nur halb gesehen werden: In queeren Räumen wird die Neurodivergenz übersehen, in neurodivergenten Räumen das Queersein. Das ist unsere Erfahrung, keine Aussage aus den genannten Studien; Warrier und Kollegen weisen aber immerhin darauf hin, dass ihre Befunde für den Zugang zu Versorgung und passende Unterstützung relevant sind.
Für die Praxis heißt das: Angebote sollten mitdenken, dass neurodivergente Menschen zugleich queer sein können und queere Menschen zugleich neurodivergent. Und es hilft, wenn Fachkräfte beide Seiten kennen, statt die eine mit der anderen zu erklären.
Bei uns soll es Platz für beides geben, ohne dass man sich entscheiden muss. Auf unserer Plattform gibt es zwei digitale Gruppen, die sich regelmäßig online treffen: Neurodivergent und queer und Trans im Autismus-Spektrum. Dazu kommt ein geschützter Bereich für den schriftlichen Austausch. Alle Angebote sind offen für Menschen, die sich darin wiederfinden.
Quellen
Weir, E., Allison, C. und Baron-Cohen, S. (2021). The sexual health, orientation, and activity of autistic adolescents and adults. Autism Research, 14(11), 2342 bis 2354. https://doi.org/10.1002/aur.2604
Warrier, V., Greenberg, D. M., Weir, E., Buckingham, C., Smith, P., Lai, M.-C., Allison, C. und Baron-Cohen, S. (2020). Elevated rates of autism, other neurodevelopmental and psychiatric diagnoses, and autistic traits in transgender and gender-diverse individuals. Nature Communications, 11, 3959. https://doi.org/10.1038/s41467-020-17794-1
Mishra, S., Mishra, K., Choudhury, O., Saraswathy, K. N. und Chaudhary, V. (2026). Sexual orientation and adult attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD) symptoms among young adults in Delhi-NCR, India. Research in Neurodiversity, 2, 100036. https://doi.org/10.1016/j.rin.2026.100036