Menstruation oder Medikation – warum schwanken ADHS-Symptome im Verlauf des Zyklus?

von Anna Simbürger

Die Forscherinnen Hannelore Findeis und Maria Strauß von der Universität Leipzig veröffentlichten 2025 eine Literaturübersicht zum Zusammenhang zwischen der Wirkung von ADHS-Medikation und dem Menstruationszyklus bei Personen mit ADHS. ADHS bei menstruierenden Personen bleibt in der Forschung stark unterrepräsentiert, was dazu führt, dass sie häufig falsch oder unzureichend behandelt werden. Die Erforschung des Zusammenhangs zwischen Menstruationszyklus und der Wirkung von ADHS-Medikation ist dringend notwendig, um menstruierenden Personen eine angemessene Versorgung zukommen lassen zu können.

Von Anna Simbürger

Was ist eine Literaturübersicht?

Bei der Literaturübersicht wird keine neue Forschung in Form einer Studie betrieben, sondern die Forscherinnen tragen Ergebnisse aus bereits durchgeführten Studien zu einem Thema zusammen und stellen Verbindungen her. Daraus können dann neue Forschungsfragen abgeleitet werden – oder es fällt auf, an welcher Stelle noch Forschungsbedarf besteht. In der zugrundeliegenden Literaturübersicht wurden zwölf Studien mit einbezogen. Die Anzahl der Proband:innen pro Studie schwankte von einer Person bis 209 Personen.

Wie funktioniert der Menstruationszyklus?

Der Menstruationszyklus lässt sich in vier Phasen aufteilen.

• Menstruation

• Follikelphase

• Eisprung

• Lutealphase

Die Lutealphase beginnt in der zweiten Zyklushälfte. Einige Personen leiden in dieser Zeit am Prämenstruellen Syndrom, kurz PMS.

Was ist PMS?

PMS ist ein komplexes Zusammenspiel aus psychologischen und körperlichen Beschwerden, wie zum Beispiel depressiven Verstimmungen, Reizbarkeit, Wassereinlagerungen oder Schmerzen. Die Symptome beginnen mit der Lutealphase und dauern meist bis zum Einsetzen der Menstruation.

PMS tritt besonders häufig bei Personen mit ADHS auf – man geht von der Existenz eines gemeinsamen Biomarkers aus, allerdings ist PMS noch nicht ausreichend erforscht worden. Einer Studie nach haben 45 Prozent der menstruierenden Personen mit ADHS auch ein PMS.

Welche Rolle spielen Sexualhormone?

Eine Untersuchung ergab, dass ADHS-Symptome abhängig von den Sexualhormonen zu- oder abnehmen. Dabei konnte beobachtet werden, dass die Symptome sich verschlechterten, wenn Östrogen- niedrig und Progesteron- sowie Testosteronlevel erhöht waren. Die Begründung könnte darin liegen, dass in Phasen mit niedrigem Östrogenspiegel die Übertragung von Dopamin im Gehirn nochmal schlechter funktioniert.

Wie wirken Psychostimulanzien im Zyklus?

Psychostimulanzien sind Medikamente, die mit dem Umgang einer ADHS helfen können. In Deutschland sind zum Beispiel Ritalin, Medikinet oder Elvanse im Einsatz. Psychostimulanzien können zum Beispiel dabei helfen, die Wahrscheinlichkeit für einen Autounfall oder die Kriminalitätsraten zu reduzieren.

Bereits 1999 wurde erstmals untersucht, welcher Zusammenhang zwischen Psychostimulanzien und dem Menstruationszyklus besteht. Es konnte herausgefunden werden, dass Probanden in der Follikelphase den stärksten Effekt der Medikamente verspürten. Dies könnte am gestiegenen Sexualhormon Östrogen liegen. Die Wirksamkeit der Medikamente in der Follikelphase entspricht in etwa der Wirksamkeit bei Menschen ohne Menstruationszyklus.

In der Lutealphase hingegen, wenn Östrogenwerte sinken und Progesteronwerte steigen, wirkten die Medikamente schlechter. Mögliche Interventionen könnten mit einer höheren Dosierung der Psychostimulanzien während der Lutealphase arbeiten. Erste Studien haben dazu positive Ergebnisse geliefert.

Was jetzt?

Wie häufig kommt PMS in Menstruierenden mit ADHS vor? Wie wirkt sich PMS auf die ADHS-Symptomatik aus und wie auf die Wirkung von ADHS-Medikation? Ist eine Verschlechterung der Symptomatik während der Lutealphase darauf zurückzuführen, dass die Symptombelastung in dieser Zyklusphase steigt oder darauf, dass die Medikamente schlechter wirken? Zu all diesen Fragen fehlt es weiterhin an stichhaltigen Informationen.

Der Mangel an Studien in diesem Bereich verdeutlicht einmal mehr den bestehenden Gender Health Gap – also das Ungleichgewicht darin, wie viel jeweils zu Frauen- und zu Männergesundheit geforscht wird. Es bleibt zu hoffen, dass dieses wichtige Thema von der Forschung in Zukunft mehr Beachtung bekommt und die bestehende Wissenslücke schnellstmöglich geschlossen wird.

Quellen

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de Jong M, Wynchank DSMR, van Andel E, Beekman ATF, Kooij JJS. Female-specific pharmacotherapy in ADHD: premenstrual adjustment of psychostimulant dosage. Front Psychiatry. 2023

de Jong M, Wynchank DSMR, Michielsen M, Beekman ATF, Kooij JJS. A Female-Specific Treatment Group for ADHD-Description of the Programme and Qualitative Analysis of First Experiences. J Clin Med. 2024


Dorani F, Bijlenga D, Beekman ATF, van Someren EJW, Kooij JJS. Prevalence of hormone-related mood disorder symptoms in women with ADHD. J Psychiatr Res. 2021

Findeis H, Strauß M. The effects of psychostimulants in menstruating women with ADHD – A gender health gap in ADHD treatment? Prog Neuropsychopharmacol Biol Psychiatry. 2025

Gutman SA, Balasubramanian S, Herzog M, Kim E, Swirnow H, Retig Y, Wolff S. Effectiveness of a Tailored Intervention for Women With Attention Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD) and ADHD Symptoms: A Randomized Controlled Study. Am J Occup Ther. 2020 Jan/Feb

Justice AJ, de Wit H. Acute effects of d-amphetamine during the follicular and luteal phases of the menstrual cycle in women. Psychopharmacology (Berl). 1999 Jul

Lichtenstein P, Halldner L, Zetterqvist J, Sjölander A, Serlachius E, Fazel S, Långström N, Larsson H. Medication for attention deficit-hyperactivity disorder and criminality. N Engl J Med. 2012

Roberts B, Eisenlohr-Moul T, Martel MM. Reproductive steroids and ADHD symptoms across the menstrual cycle. Psychoneuroendocrinology. 2018

White TL, Justice AJ, de Wit H. Differential subjective effects of D-amphetamine by gender, hormone levels and menstrual cycle phase. Pharmacol Biochem Behav. 2002 Nov

Hinweis
Anna Simbürger bereitet ehrenamtlich die Inhalte wissenschaftlicher Studien für uns auf. Ziel ist es, Betroffene auf möglichst verständliche Art und Weise über Aktuelles aus Psychiatrie, Psychotherapie, Medizin und Forschung zu informieren.

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