Das Jahr geht zu Ende – höchste Zeit also, aufzuzeigen, was in unserer Gemeinschaft alles entstanden ist. In unserem Gespräch mit unserem Vereinsmitglied Karina erfahren wir unter anderem, wie sie zu uns kam, was sich seitdem für sie verändert hat und warum ihr das Wohnzimmer wichtig ist.

„Hier wird man gesehen. Hier wird man ernst genommen. Hier darf man Teil sein.“
– Karina, Vereinsmitglied seit Juli 25
Wie bist du auf das Wohnzimmer Neurodivers aufmerksam geworden?
Ich bin auf das Wohnzimmer Neurodivers gestoßen, als ich nach Online-Selbsthilfegruppen gesucht habe. Ich hatte gerade meine Autismus-Spektrum-Diagnose bekommen – sie kam unerwartet und hat vieles in mir aufgewühlt.
Als ich die Seite das erste Mal öffnete, war es ehrlich gesagt zu viel: zu bunt, zu unübersichtlich, zu viele Reize. Und doch blieb etwas in mir wach – das Gefühl, dass dieser Raum wichtig sein könnte. Also meldete ich mich an, las erste Beiträge und blieb. Damals gab es noch kein Autismus-Meetup, nur einen Aufruf zur Übernahme der Moderation. Daraus hat sich später etwas Bedeutendes entwickelt.
Wie fühlt sich das Wohnzimmer Neurodivers für dich heute an – im Vergleich zu anderen sozialen Räumen?
Heute fühlt sich das Wohnzimmer tatsächlich an wie das, was es im Namen trägt: ein Wohnzimmer. Ein Raum, der offensteht – nicht perfekt, aber echt. Ich habe mir den Hintergrund auf Schwarz gestellt, um die Reize zu reduzieren, und inzwischen finde ich mich gut zurecht zwischen all den Symbolen, Posts, Gruppen und Chats.
Es ist ein Ort, an dem man ankommen darf, ohne sich erklären zu müssen. Ein Ort, an dem Begegnungen wachsen, wie kleine Pflanzen in einem geschützten Klima.
Aus dem Autismus-Meetup ist mittlerweile ein fester Kern geworden – wir treffen uns regelmäßig donnerstags, mal offiziell, mal einfach so, weil es uns guttut. Dazu gibt es viele andere Räume, Themen und Spaziergänge in verschiedenen Städten. Das Wohnzimmer lebt von Menschen, die etwas beitragen wollen – auf ihre Weise, in ihrem Tempo.
Was verändert sich in dir, wenn du dort bist?
Ich habe viele Aha-Momente erlebt. Begriffe wie Löffeltheorie, PDA oder BFRB waren mir vorher fremd – und plötzlich ergab so vieles Sinn. Es war, als würde ich Stück für Stück meine eigene Landkarte verstehen lernen.
Ich habe gelernt, mir Zeit zu geben, mich nicht zu überfordern, und Wissen als etwas zu sehen, das wachsen darf, statt sofort verstanden werden zu müssen. Es ist kein Raum, der einfach nur beruhigt – sondern einer, der öffnet, herausfordert und wachsen lässt. Und dabei trotzdem trägt.

Worin liegt für dich der Wert einer Mitgliedschaft?
Das Wohnzimmer ist für mich ein Ort, der aus Erfahrung gebaut ist. Hier helfen Menschen, die selbst betroffen sind – und genau da ansetzen, wo das System aufhört zu funktionieren.
Hier wird man gesehen. Hier wird man ernst genommen. Hier darf man Teil sein.
Alles, was dort entsteht, entsteht durch Menschen, die ihre begrenzten Löffel teilen. Ehrenamtlich, aus Verbundenheit. Und gerade deshalb ist dieser Raum so besonders: Er wächst nicht durch Strukturen, sondern durch Haltung. Durch das Wissen, dass Verständnis und Gemeinschaft nicht selbstverständlich sind – aber möglich, wenn man sie miteinander trägt.
Was bedeutet das Wohnzimmer für dich – und warum ist es dir wichtig, dass es bleibt?
Das Wohnzimmer ist wie ein echtes Wohnzimmer: Man kommt an, atmet auf, darf einfach sein. Hier entstehen Verständnis, Austausch und Entwicklung – nicht von selbst, sondern weil Menschen Raum dafür schaffen.
Und genau das ist das Wertvolle: Dass so viele Menschen ihre Zeit, Kraft und Offenheit geben, damit dieser Raum lebendig bleibt. Weil er zeigt, dass Zugehörigkeit möglich ist – nicht als Konzept, sondern als gelebte Wirklichkeit.
Werde auch du ein Teil vom Inventar.
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