Es begann mit Strichmännchen
Jakub, heute sechs Jahre alt, hatte lange wenig Interesse am Malen. Also fingen wir klein an – Strich für Strich. Mit der Zeit wurde er mutiger: Vögel, Skorpione, Insekten, Meerestiere. Und irgendwann entstand eine Figur, die weder Spinne noch Oktopus war. Irgendetwas dazwischen. Mit einem Zylinder auf dem Kopf und Armen, die nicht gleich lang sind.
Jakub konnte sich nicht entscheiden, was sie ist. Also beschlossen wir: Beides darf in ihr stecken. Jede Person, die HERR ANDERSSE[I]N begegnet, sieht etwas anderes.
Der Name entstand langsam, in vielen Gesprächen zwischen uns: Anderssein. Anderssen. HERR ANDERSSE[I]N. Das [I] steht für das eigene Ich. Für eine Figur, die anders ist – ohne dass jemand festlegen muss, was genau das bedeutet. Und genau darin richtig ist.
So wurde aus einer Kinderzeichnung HERR ANDERSSE[I]N.
Wenn Kleidung sich richtig anfühlt
Kleidung, Stoffe und Nähte spielen bei uns im Alltag eine große Rolle. Deshalb begann ich, Jakubs Zeichnungen auf seine Lieblingskleidungsstücke zu plotten:
- T-Shirts und Pullover mit hohem Baumwollanteil
- locker geschnitten
- ohne störendes Etikett im Nacken (oder feste Nähte)
Ich wollte eine Verbindung schaffen zwischen dem, was sich gut und sicher anfühlt – und dem, was von ihm selbst kommt. Heute tragen viele seiner Lieblingsstücke HERR ANDERSSE[I]N.
Zu Weihnachten haben wir angefangen, T-Shirts an die engste Familie zu verschenken. Als Jakub sah, dass die Familie seine Figur trägt, wurde er zum ersten Mal richtig stolz. Nicht auf ein Geschenk. Sondern darauf, dass etwas, das er sich ausgedacht hat, anderen Menschen etwas bedeutet.
Er wusste genau, wer er nicht ist
HERR ANDERSSE[I]N hat sich seitdem weiterentwickelt. Ich habe die Figur digital angepasst – mehr Linie, mehr Struktur, damit sie sich besser plotten lässt. Als ich ihm eine Version zeigte, in der ich die Arme verändert hatte, sagte er sofort: „Nein, Mama. Das ist nicht meine Figur.” Also machten wir es anders – gemeinsam.
Er wusste vielleicht nicht, ob HERR ANDERSSE[I]N eine Spinne oder ein Oktopus ist. Aber er wusste genau, wer er nicht ist.
Anderssein darf sichtbar sein
Ich bin Jakubs Mutter Margot und habe ADHS – erkannt durch die Mutterschaft. Lange dachte ich, ich strenge mich einfach nicht genug an. Erst die eigene Diagnose hat das verändert. Als ich begann, Jakub genauer zu beobachten, erkannte ich vieles an mir selbst wieder:
- die Empfindlichkeit gegenüber bestimmten Stoffen
- das Bedürfnis nach Bewegung
- die Intensität von Gefühlen
- die Art, die Welt wahrzunehmen
Dabei möchte ich Anderssein nicht romantisieren. Es ist nicht immer kreativ oder besonders. Meistens ist es anstrengend. Oft macht es den Alltag schwer. Manchmal bedeutet es, mehr erklären zu müssen, mehr aushalten zu müssen – und trotzdem irgendwie mitzumachen.
HERR ANDERSSE[I]N wird daran nichts ändern. Aber er kann zeigen, dass Anderssein kein Grund ist, sich zu verstecken. Auch dann nicht, wenn es schwer ist.
Jakub hat gelernt zu sagen, was er braucht – etwas, das viele Erwachsene erst mühsam lernen müssen, mich eingeschlossen. Anderssein anzunehmen braucht Mut. Besonders mit sechs Jahren.
Bevor die Welt anfängt zu fragen
Im August wird Jakub eingeschult. Er soll ankommen dürfen – so wie er ist.
Seine Schulmaterialien tragen Aufkleber mit HERR ANDERSSE[I]N. Und zur Einschulung läuft die Familie in HERR ANDERSSE[I]N-T-Shirts ein. Als Zeichen: Wir sind stolz auf dich. Und wir sind dabei – egal was kommt.
„Jeder ist irgendwie anders. Und das macht jeden besonders.”
Das sind seine Worte.
Hinweis
Idee und Zeichnung: Jakub. In Zusammenarbeit mit seiner Mutter Margot.