Hinweis: Diese Zusammenfassung basiert auf dem Webinar mit Marianne Jouanneaux. Sie gibt persönliche Eindrücke wieder und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Richtigkeit.
ADHS und Angst – neurobiologische Grundlagen
Marianne beschreibt ADHS als neurobiologische Entwicklungsbesonderheit, die vor allem jene Botenstoffe betrifft, die Motivation, Belohnung und Stressregulation steuern (sogenannte dopaminerge und noradrenerge Systeme). Bei ADHS liegt bezüglich dieser Botenstoffe keine Unterproduktion vor, sondern eine Dysregulation derselben, insbesondere in der Signalübertragung und Reizweiterleitung zwischen bestimmten Hirnregionen. Das führt dazu, dass Belohnungsreize, Motivation und Selbststeuerung schwerer aufrechterhalten werden können. Schwierigkeiten in Emotionsregulation, Impulskontrolle und Stressbewältigung sind die Folgen, was häufig auch zu Angststörungen führen kann.
Bei weiblich sozialisierten Personen zeigt sich ADHS oft nach innen gerichtet: als Grübeln, Perfektionismus, Anpassungsdruck und Scham. Marianne vergleicht das Leben mit ADHS mit dem Gefühl, „in einem Schuh mit der falschen Größe zu laufen“ man funktioniert, aber unter ständigem Druck.
Angst als Folge von Scham und Überanpassung
Viele Betroffene erleben ein Leben voller negativer Lernerfahrungen („Ich habe es wieder nicht geschafft“) und entwickeln daraus Perfektionismus und soziale Angst. Marianne betont, dass diese Ängste meist nicht traumatisch, sondern neurobiologisch durch eine dauerhafte Reizschwäche und hohe Sensitivität des Nervensystems bedingt sind.
Weiblich sozialisierte Personen sind laut ihr „wandelnde Kompensationsstrategien“. Sie regulieren ständig ihr Umfeld, unterdrücken Wut und streben nach Harmonie. Dieses Verbergen der eigenen ADHS-typischen Reaktionsweise (Masking) bedingt Erschöpfung und erzeugt die Angst, „aufzufliegen“.
Mit weiblicher Sozialisierung ist nicht das biologische Geschlecht gemeint, sondern die gesellschaftlichen Erwartungen und Verhaltensnormen, die Menschen vermittelt bekommen, wenn sie als Mädchen aufwachsen.
Typische Sozialbotschaften sind zum Beispiel
„Sei brav, ruhig und hilfsbereit!“
„Mach es allen recht!“
„Sei ordentlich!“
„Zeig keine Wut oder Unruhe!“
Diese sozialen Erwartungen stehen in starkem Kontrast zu vielen ADHS-typischen Verhaltensweisen wie Spontanität, Impulsivität, emotionaler Ausdruck oder Vergesslichkeit.
Wenn eine Person mit ADHS ständig Rückmeldung bekommt, dass ihr spontanes oder unkonzentriertes Verhalten „nicht richtig“ ist, entwickelt sie früh Kompensationsstrategien, um dazuzugehören.
Das kann bedeuten
- sich übermäßig zu kontrollieren,
- Emotionen wie Wut, Ungeduld oder Reizbarkeit zu unterdrücken,
- überangepasst und „perfekt“ zu wirken,
- ständig das Gegenüber zu regulieren („Wie kommt das jetzt an?“, „Bin ich zu laut?“).
Das ständige Masking kostet enorm viel kognitive und emotionale Energie.
- Das Gehirn arbeitet dauerhaft im Überwachungsmodus („Wie wirke ich gerade?“).
- Gleichzeitig werden echte Emotionen unterdrückt statt reguliert, was zu innerer Spannung führt.
- Der chronische Anpassungsmodus aktiviert dauerhaft das Stresssystem (HPA-Achse) – das erschöpft langfristig und begünstigt Angstzustände, Depression und Burn-out.
Das Problem liegt somit nicht (nur) im Gehirn der Betroffenen, sondern darin, wie gesellschaftliche Erwartungen mit neurobiologischen Unterschieden umgehen.
Weiblich sozialisierte Personen mit ADHS lernen, ihr natürliches Verhalten zu verstecken, um akzeptiert zu werden. Diese soziale Anpassung führt zu Masking, Erschöpfung und Angst nicht die ADHS selbst.

Marianne Jouanneaux ist Therapeutin, Autorin des Buches „Erfolgreich leben mit ADHS“ und Dozentin bei Schoresch Zürich.
Sie leitet ein eigenes Therapiezentrum und hat eine eigene Methode zur Behandlung von ADHS entwickelt. In ihrem Vortrag teilt sie ihr umfassendes Fachwissen über die Zusammenhänge von ADHS und Angst.
Weitere Infos zu ihrer Person gibt es auf der Homepage sowie unter Instagram:Neuro_perspektiven
Kognitive Muster und Overthinking
Kognitive Verzerrungen (z. B. Katastrophisieren, Alles-oder-nichts-Denken, Personalisieren) sind laut Marianne Jouanneaux nicht direkt ein Symptom von ADHS, aber sie entstehen häufig sekundär aus der ADHS-spezifischen Informationsverarbeitung und den daraus resultierenden Lernerfahrungen.
Menschen mit ADHS verarbeiten Informationen anders als neurotypische Personen.
- Sie haben eine geringere dopaminerge und noradrenerge Signalstabilität, was zu Inkonsistenzen in Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis führt.
- Dadurch wird Feedback (z. B. Lob oder Kritik) oft emotional intensiver erlebt.
- Der präfrontale Cortex reguliert Emotionen, Planung und Bewertung weniger gleichmäßig – das führt zu einer emotionalen Übergewichtung einzelner Ereignisse.
Diese Faktoren bewirken, dass Betroffene Erfahrungen verstärkt, sprunghaft oder selektiv abspeichern also mit einer „anderen Gewichtung“ als neurotypische Personen.
Wenn jemand über Jahre erlebt, dass er „zu spät“, „zu laut“, „zu vergesslich“ oder „zu chaotisch“ ist, prägen sich bestimmte Denkmuster ein etwa:
- „Ich mache immer alles falsch.“ (Übergeneralisierung)
- „Alle merken, dass ich unzuverlässig bin.“ (Personalisierung)
- „Wenn ich es nicht perfekt mache, ist es wertlos.“ (Alles-oder-nichts-Denken)
Diese Denkmuster sind gelernte Reaktionen auf wiederkehrende Misserfolgserlebnisse und soziale Ablehnung. Sie sind also nicht primär neurologisch, sondern sekundär erlernt auf Basis einer neurodivergenten Wahrnehmungsweise.
Kognitive Verzerrungen sind somit keine direkten Symptome von ADHS, entstehen aber häufig aus der ADHS-typischen Art, Informationen wahrzunehmen, zu bewerten und zu erinnern. Sie spiegeln die emotional gefärbte, kontextabhängige Informationsverarbeitung wider, die bei ADHS typisch ist – verstärkt durch wiederholte negative Lernerfahrungen und soziale Erwartungen.

„Der Moment, in dem mir klar wurde, dass Angst bei ADHS oft ein Symptom der Anpassung ist – nicht ein Charakterfehler –, war für mich einer der wichtigsten des ganzen Webinars.“
– Karina, Mitglied des Wohnzimmers Neurodivers e.V.
und Teilnehmerin des Webinars
Alltagsauswirkungen
- Prokrastination aus Angst, nicht gut genug zu sein
- Überempfindlichkeit gegenüber Kritik
- Perfektionismus und People Pleasing
- Angst vor Kontrollverlust
Diese Muster führen oft zu Isolation, Erschöpfung und Scham.
Therapeutische Wege und Strategien
Marianne betont: ADHS ist keine Charakterschwäche, sondern eine neurobiologische Besonderheit die Umwelt muss angepasst werden, nicht die Person.
ADHS entsteht durch neurobiologische Unterschiede in der Entwicklung und Funktionsweise des Gehirns – insbesondere in Netzwerken, die Aufmerksamkeit, Motivation, Impulskontrolle, Emotionsregulation und Arbeitsgedächtnis steuern.
Das bedeutet:
- Es handelt sich nicht um Faulheit, Unwillen oder mangelnde Disziplin,
- sondern um eine Besonderheit der Reizverarbeitung (z. B. Dopamin- und Noradrenalin-Regulation, präfrontale Cortexaktivität).
Diese Besonderheiten führen dazu, dass Betroffene anders reagieren, planen und fühlen nicht schlechter. Wenn man sie in ein System zwingt, das für neurotypische Gehirne gebaut ist, entsteht Scheitern, Überforderung und Scham.
Warum die Umwelt angepasst werden muss
Das Prinzip nennt sich neurodiversitätsorientierten Ansatz: Nicht die Person ist „defizitär“, sondern die Umwelt ist zu eng für unterschiedliche Funktionsweisen.
Beispiele
- Starre Zeitpläne, monotone Aufgaben oder offene Großraumbüros überfordern viele ADHS-Gehirne.
- Flexible Strukturen, klare visuelle Orientierung und Bewegungspausen ermöglichen stattdessen Konzentration und Erfolg.
Das Ziel ist also nicht, die Person zu „normalisieren“, sondern Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen sie funktionieren kann, wie sie ist.
Zentrale Strategien
- Selbstbeobachtung und Gedankenprotokolle
- Realitätstest statt Schwarz-Weiß-Denken
- Atem- und Pausentechniken („Stopp & Breathe“)
- Reiz- und Stressmanagement durch strukturierte Umgebung
- Grenzen setzen zur Selbstschutz und Angstreduktion
Wenn Betroffene glauben, sie müssten „besser werden“ oder „sich endlich zusammenreißen“, entsteht:
- Scham und Selbstabwertung („Mit mir stimmt was nicht“)
- chronischer Stress durch ständige Selbstüberforderung
- erlernte Hilflosigkeit („Ich kann es ja sowieso nicht“)
Wenn sie dagegen verstehen, dass ihr Gehirn anders – aber nicht falsch arbeitet, entsteht:
- Selbstakzeptanz („Ich bin nicht defekt, ich funktioniere einfach anders“)
- Selbstwirksamkeit („Ich kann meine Umgebung so gestalten, dass sie zu mir passt“)
- echte Veränderung durch Kooperation statt Selbstverurteilung
Eine reine Angsttherapie allein reicht bisweilen nicht aus erst durch Psychoedukation und Verständnis der ADHS-Mechanismen gelingt es Betroffene mit sich selbst besser zu kooperieren statt gegen sich kämpfen.