Geschlecht im Spektrum: Warum Genderdiversität bei Autismus häufiger ist als gedacht

Lange Zeit wurde das Autismus-Spektrum vor allem männlich repräsentiert: diagnostiziert, erforscht und medial dargestellt – meist bei Jungen und Männern. Tatsächlich erhalten Männer deutlich häufiger eine Autismusdiagnose als Frauen. Infolge einer Studie kanadischer Forschender aus dem Jahr 2022 liegt die Häufigkeit Mann zu Frau bei 4:1. Doch dieser Unterschied spiegelt nicht nur reale Häufigkeiten wider, sondern auch Probleme im diagnostischen Prozess. Viele Frauen im Spektrum bleiben unerkannt, nicht zuletzt, weil sie soziale Schwierigkeiten oft durch Masking kompensieren, also bewusst oder unbewusst Verhaltensweisen erlernen, um sich anzupassen. Dies zeigte bereits eine im Jahr 2015 im Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry erschienene Studie eines Forscherteams der Cambridge Universität.

Lisa-Marie Schöpf

Auch in den Medien zeigt sich dieses einseitige Bild. Serien, wie Atypical oder Young Sheldon , die eigentlich Aufklärung leisten wollen, reproduzieren häufig stereotypische Darstellungen: sozial unbeholfene, hochbegabte Männer mit Spezialinteressen in Naturwissenschaften.

Zwar wurden in den letzten Jahren Frauen im Autismus-Spektrum stärker repräsentiert durch Initiativen und Forschung, doch eine andere Dimension bleibt weitgehend ungeachtet: Geschlechtervielfalt im Spektrum.

Dabei ist dieser Aspekt zentral. Wenn Menschen, die ohnehin einer marginalisierten, also benachteiligten, Gruppe angehören, zusätzlich von normativen Vorstellungen von Geschlecht abweichen, können sich Belastungen verstärken. Die Frage ist also nicht nur, wer im Spektrum sichtbar wird, sondern auch, wie vielfältig dieses Spektrum eigentlich ist.

Diese Lücke in der Forschung möchten die Forschenden der Universität Lyon in Frankreich mit ihrer Studie aus dem Jahr 2025 zum Thema Geschlecht im Spektrum schließen.

Was wurde untersucht?

Die Studie verfolgt ein klares Ziel: Sie möchte erstmal systematisch erfassen, wie verbreitet Geschlechterdiversität bei Menschen mit Autismus ist.

Dafür führten die Forschenden eine systematische Literaturrecherche und Meta-Analyse durch. Dadurch wollten sie einzelne Studien zusammenführen und ein Gesamtbild erzeugen. Berücksichtigt wurden Studien aus einem Zeitraum von 2013 bis 2023, die sowohl Kinder als auch Erwachsene mit einer Autismusdiagnose einschlossen.

Im Fokus stand dabei der breite Begriff der Gender Diversity: also Identitäten, die nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmten, etwa nicht-binär, transgender oder genderqueer.

Zentrale Ergebnisse

Das Ergebnis dieser Studie bestätigt, was frühere Forschung bereits vermutete: Geschlechterdiversität tritt bei Menschen im Autismus-Spektrum deutlich häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Und die Erkenntnisse der Meta-Analyse gehen noch weiter: Es zeigt sich eine große Vielfalt an Geschlechteridentitäten, insbesondere ein vergleichsweise hoher Anteil nicht-binärer Identitäten.

Welche Erklärungen gibt es dafür?

Doch wie lässt sich eigentlich erklären, dass Geschlechterdiversität im Autismus-Spektrum häufiger vorkommt?

Soziale Theorie

Ein Ansatz kommt aus der sozialen Perspektive: Menschen im Autismus-Spektrum orientieren sich oft weniger stark an gesellschaftlichen Normen. Dazu gehören auch klassische Vorstellungen davon, was „männlich“ oder „weiblich“ ist. Das könnte ihnen mehr Freiraum geben, die eigene Geschlechtsidentität unabhängig von diesen Kategorien zu entwickeln. Dies könnte dazu beitragen, dass Personen aus dem Autismus-Spektrum ihre Identität eher offen leben oder benennen als neurotypische Menschen.

Psychologische Theorie

Andere Erklärungen setzen auf der psychologischen Ebene an. Hier geht es um typische Merkmale von Autismus, etwa Unterschiede in der Wahrnehmung oder im sozialen Verständnis. Diese könnten beeinflussen, wie sich Identität insgesamt entwickelt, also auch die eigene Geschlechtszugehörigkeit. Wenn die Orientierung an sozialen Erwartungen weniger im Vordergrund steht, rückt möglicherweise das eigene innere Erleben stärker in den Fokus.

Biologische Theorie

Und schließlich gibt es auch biologische Hypothesen. Einige Forschende diskutieren, ob gemeinsame neurobiologische Faktoren, wie etwa genetische oder hormonelle Einflüsse, sowohl mit Autismus als auch mit Geschlechterdiversität zusammenhängen könnten. Wie so häufig in der Psychologie und Medizin kann keine der Theorien den Effekt allein erklären. Am wahrscheinlichsten ist ein Zusammenwirken sozialer, psychologischer und biologischer Faktoren.

Warum ist das wichtig?

Die Relevanz dieser Studie geht weit über den wissenschaftlichen Kontext hinaus. Sie gibt gezielt Anreize, wie wir Diagnostik, Therapie und gesellschaftliches Zusammenleben gestalten,

Diagnostik und Versorgung

Wenn Geschlechterdiversität im Autismus-Spektrum häufiger vorkommt, hat das direkte Konsequenzen für Diagnostik und Therapie. Viele diagnostische Modelle und Ansätze sind stark binär gedacht oder orientieren sich an stereotypisch männlichen Autismusprofilen und werden damit der Realität vieler Betroffener nicht gerecht. Ein besseres Verständnis dieser Überschneidung ermöglicht präzisiere Diagnosen und Unterstützungsangebote. Oder anders gesagt: Es hilft Menschen früher zu erkennen, gezielter zu fördern und zu verhindern, dass sie übersehen werden.

Psychische Gesundheit

Sowohl Menschen mit Autismus als auch genderdiverse Menschen begegnen gesellschaftlichen Herausforderungen und Stigmata, die psychisch belastend sein können. Wenn beide Aspekte zusammenkommen, können sich Herausforderungen verstärken. Gleichzeitig liegt hier aber auch eine Chance, Unterstützungsangebote gezielter zu gestalten.

Implikationen für die Zukunft

Auch wenn die Studie der französischen Forschenden eine wichtige Grundlage schafft, steht die Forschung bei diesem Thema am Anfang. Viele Fragen sind noch offen: Wie genau hängt die Überschneidung von Autismus und Geschlechtsdiversität zusammen? Welche Rolle spielt die sexuelle Orientierung im Spektrum? Und wie stabil sind diese Befunde über verschiedene Altersgruppen und Kulturen hinweg? Um diese Zusammenhänge zu verstehen, braucht es deutlich mehr und differenzierte Forschung.

Gleichzeitig zeigt bereits die Studie, dass wir hier nicht in einzelnen Disziplinen denken können. Die Schnittstelle von Autismus und Geschlecht betrifft nicht nur die Psychologie oder Psychiatrie, sondern genauso die Soziologie und Bildung.

Was bedeutet das konkret für den Alltag?

Therapeutische Angebote, Schulen und Beratungsstellen müssen lernen, mit dieser Vielfalt sensibel umzugehen. Dazu gehören:

· Diagnostik muss sensibler für Geschlechtervielfalt werden, um Menschen nicht länger zu übersehen oder in unpassende Kategorien zu ordnen.

· Unterstützungsangebote in Therapie, Schulen und Beratungsstellen sollten stärker individualisiert sein und die Bedürfnisse des Einzelnen in den Vordergrund stellen.

· Die Vorstellung von „Norm“ sollte überdacht werden.

Autismus und geschlechtliche Vielfalt machen eines besonders sichtbar: Wie vielfältig menschliche Identität wirklich ist. Indem wir lernen, diese Vielfalt anzuerkennen und zu unterstützen, legen wir den Grundstein für inklusivere Gesellschaften, in denen jeder Mensch gesehen und respektiert wird

Hautptquelle

Bonazzi, G., Peyroux, E., Jurek, L., Souiller, L., Zufferey, A., Giroudon, C., Nourredine, M. & Demily, C. (2025). Gender on the Spectrum: Prevalence of Gender Diversity in Autism Spectrum Disorder—A Systematic Review and Meta-Analysis. Autism in Adulthood. https://doi.org/10.1089/aut.2024.0202

Ergänzende Literatur

Lai, M., Lombardo, M. V., Auyeung, B., Chakrabarti, B. & Baron-Cohen, S. (2014). Sex/Gender Differences and Autism: Setting the Scene for Future Research. Journal Of The American Academy Of Child & Adolescent Psychiatry, 54(1), 11–24. https://doi.org/10.1016/j.jaac.2014.10.003

Zeidan, J., Fombonne, E., Scorah, J., Ibrahim, A., Durkin, M. S., Saxena, S., Yusuf, A., Shih, A. & Elsabbagh, M. (2022). Global prevalence of autism: A systematic review update. Autism Research, 15(5), 778–790. https://doi.org/10.1002/aur.2696

Hinweis
Lisa-Marie Schöpf bereitet ehrenamtlich die Inhalte wissenschaftlicher Studien für uns auf. Ziel ist es, Betroffene auf möglichst verständliche Art und Weise über Aktuelles aus Psychiatrie, Psychotherapie, Medizin und Forschung zu informieren.

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