Im Rahmen einer Studie haben Forschende aus Australien und Frankreich die Gehirnaktivität am Tage von Erwachsenen untersucht. Zu den teilnehmenden Probanden zählten sowohl Erwachsene im, als auch außerhalb des ADHS-Spektrums. Die Untersuchung zeigt: Unsere Gehirne schalten vollkommen unabhängig davon, ob wir im ADHS-Spektrum sind oder nicht, auch tagsüber in schlafähnliche Zustände! Aber – es gibt Unterschiede, denn Menschen im ADHS-Spektrum sind signifikant härter betroffen.
Von Katharina Meyn
Schon länger ist bekannt, dass unsere Gehirne tagsüber in schlafähnliche Zustände schalten. Ein australisch-französisches Forscherteam hatte die Vermutung, dass ebendiese Zustände Unaufmerksamkeit bei Personen im ADHS-Spektrum verursachen können. Deshalb untersuchten sie das Phänomen genauer, indem sie die teilnehmenden Probanden in zwei Gruppen unterteilten, um sie in einen direkten Vergleich setzten zu können. Gruppe 1 bestand aus Personen im ADHS-Spektrum, Gruppe 2 bildeten neurotypische Personen. Beide Gruppen mussten sich Testungen unterziehen, bei denen es um die Fehlerhäufigkeit geht.
Da es sich um schlafähnliche Zustände handelt, konzentrierten sich die Forschenden auf die sogenannten Slow waves (langsame Wellen). Dabei handelt es sich um elektrische Erregungswellen im Gehirn. Am stärksten sind diese Slow waves im forntalen Bereich des Gehirns vorhanden. Slow Waves sind charakteristisch für den Tiefschlaf in der Nacht.
Zum Ablauf der Testungen
An den Testungen nahmen insgesamt 63 Personen teil: 32 Personen im ADHS-Spektrum und 31 neurotypische Personen. Die Teilnehmenden der Gruppe 1 mussten ihre ADHS-Medikation 72 Stunden vor Testbeginn absetzen.
In einem ersten Schritt erfolgte eine Reihe von Vorabbefragungen, die teilweise von daheim aus gemacht werden konnten. Weitere Befragungen wurden vor Beginn der Testung vor Ort im Labor gemacht. Bestandteil dieser Tests war unter anderem der sogenannte Morningness-Eveningness Questoinnaire. Dieser untersucht durch unterschiedliche Fragen, ob man eher ein Morgentyp oder ein Abendtyp ist.
Bevor mit der Hauttestung begonnen wurde, erfolgte noch eine weitere Untersuchung. Dabei trugen die Teilnehmenden bereits eine EEG-Kappe auf dem Kopf, welche die Gehirnwellen misst. Die dadurch erzielten Aufzeichnungen wurden jedoch nicht in die Auswertung mit einbezogen. Den Grund dafür erörtert die Forschergruppe leider nicht in der Studie.
Als letzter Schritt vor dem Haupttest durchliefen die Probanden 27 Trainingssitzungen, ebenfalls mit Messung durch EEF-Kappe. Daraufhin folgte der eigentliche Haupttest, der sich über die Dauer von 52 Minuten erstreckte, die wiederum in vier Blöcken a 12 bis 15 Minuten aufgesplittet waren. Aufgabe der Probanden war es, immer dann eine Taste zu drücken, wenn sie eine neue Zahl auf dem Bildschirm sahen. Dabei gab es eine Ausnahme: die Zahl 3. Sobald die Zahl 3 erschien, sollten die Teilnehmenden nichts drücken. Zudem wurde das Anzeigen der Zahlen alle 40 bis 70 Sekunden unterbrochen, um den Teilnehmenden Fragen zu deren mentalem Zustand (Aufmerksamkeitsfokus) und Wachsamkeit zu stellen.
Welche Fragen wurden gestellt?
Die Fragen, die innerhalb dieser 40 bis 70 Sekunden gestellt wurden, richteten sich auf die Art und Weise der Aufmerksamkeit. So hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, ihre Aufmerksamkeit zu beschreiben. Sie konnten zwischen „Meine Aufmerksamkeit war bei der Aufgabenstellung“, „meine Aufmerksamkeit war nicht bei der Aufgabenstellung“, „ich erinnere mich nicht“ oder „ich habe an nichts gedacht“ auswählen. Zudem konnten die Teilnehmenden den Zustand ihrer Wachheit mit Bezeichnungen wie „Schläfrig“ oder beispielsweise auch „extrem schläfrig“ bewerten. Zudem wurde erfragt, worauf ihre Aufmerksamkeit gerichtet war. Hier bestand die Möglichkeit „auf die Aufgabe”, „keine Ahnung” oder „an etwas anderes erinnere mich nicht” zu geben.
Was kam bei den Testungen heraus?
Durch den Vergleich der Ergebnisse beider Gruppen zeigte sich, dass die Fehlerhäufigkeit bei Personen im ADHS-Spektrum höher war als bei der neurotypischen Referenzgruppe. Ein Beispiel: Vor allem sogenannte Auslassungsfehler nahmen bei der Gruppe 1 mit der Dauer des Testes stark zu. Ihnen passierte es also häufiger als der neurotypischen Gruppe, dass sie nicht auf den geforderten Zielreiz reagieren konnten.
Auch das Gedankenschweifen trat bei den getesteten Personen aus dem ADHS-Spektrum häufiger auf. Daraus ergibt sich, dass Gedanken bei Personen im ADHS-Spektrum häufiger von dem eigentlichen Ziel abschweifen. In manchen Fällen können die Gedanken sogar so stark abschweifen, dass diese mit der eigentlichen Aufgabe nichts mehr zu tun haben.
Auch gab es häufiger sogenannte Gedankenausblendung bei den Personen im ADHS-Spektrum. Dieser Zustand zeichnet sich durch eine vollkommene Leere im Kopf aus, bei der man buchstäblich an nichts bzw. überhaupt nicht mehr denken kann.
Zusammenfassend ließ sich im Rahmen der Studie feststellen: Alle Teilnehmenden hatten im Rahmen der Testungen dieselben Probleme. Doch bei den Personen im ADHS-Spektrum traten diese Probleme häufiger und vor allem auch deutlich intensiver auf. Darüber hinaus scheinen neurotypische Personen eher die Fähigkeit zu besitzen, ihrem Gehirn Pausen zu ermöglichen, was Personen im ADHS-Spektrum nicht möglich ist, abrufen.
Originalpublikation
Elaine Pinggal, James Jackson, Anikó Kusztor, David Chapman, Jennifer Windt, Sean P. A. Drummond, Tim J. Silk, Mark A. Bellgrove and Thomas Andrillon: Sleep-Like Slow Waves during Wakefulness Mediate Attention and Vigilance Difficulties in Adult Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder. Journal of Neuroscience 15 April 2026, 46 (15) e1694252025
Hinweis
Katharina Meyn bereitet ehrenamtlich die Inhalte wissenschaftlicher Studien für uns auf. Ziel ist es, Betroffene auf möglichst verständliche Art und Weise über Aktuelles aus Psychiatrie, Psychotherapie, Medizin und Forschung zu informieren.