Bereits im Jahr 2007 erklärte die UN-Generalversammlung den 2. April zum internationalen Welt-Autismus-Tag. Dieser dient dazu, das öffentliche Bewusstsein für die Autismus-Spektrum-Störung zu stärken, um so Vorurteilen entgegenzuwirken. Damit richtet sich der Welt-Autismus-Tag nicht nur an Betroffene und Personen in der Forschung, sondern insbesondere an die breite Öffentlichkeit. Ziel ist es, die Lebensrealität von Menschen im Autismus-Spektrum und von deren Angehörigen in den Mittelpunkt zu stellen, um so weltweit mehr Verständnis und Akzeptanz zu bewirken. Das Motto zum Welt-Autismus-Tag wechselt jährlich. In diesem Jahr lautet es: Autismus und Menschlichkeit – Jedes Leben hat Wert! Parallel dazu setzen viele europäische Organisationen ihre Kampagne unter dem Motto »Nicht unsichtbar« fort, welches die UN 2024 als Motto aufgegriffen hatte.
Annine Fuchs
Keine Maske tragen müssen
Mit dem diesjährigen europäischen Motto des Welt-Autismus-Tages soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass Menschen im Autismus-Spektrum häufig »maskieren« müssen, um nicht aufzufallen. Auf diese Weise unterdrücken die Betroffenen ihr wahres Ich in vielen Lebenssituationen – insbesondere im Schul-, Arbeits- und Familienleben. Sie tun dies, weil sie Angst davor haben, anzuecken, nicht akzeptiert zu werden oder unangenehm aufzufallen. Oft liegen negative Erfahrungen dahinter. Der Weg des Maskierens kann schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben. Nicht selten geht das Maskieren sogar so weit, dass die Betroffenen nicht mehr erkennen können, ob sie gerade sie selbst sind oder die maskierte Variante ihres Selbst. »Nicht unsichtbar!« soll hierauf aufmerksam machen, vor allem aber allen Betroffenen Mut machen, ihre autistischen Anteile nicht zu verstecken.
Öffentliche Unterstützung nötig
Doch es geht beim diesjährigen europäischen Welt-Autismus-Tag nicht nur um das Maskieren einzelner Betroffener. »Nicht unsichtbar!« ist auch als Bitte an die Medien und die breite Öffentlichkeit gedacht, Autismus mit all seinen Facetten wahrzunehmen. Denn noch immer kursieren viele Klischees über Menschen im Autismus-Spektrum. Der Fokus sollte nicht nur auf Dingen wie »Spezialinteressen« oder »Hochbegabung« liegen. Denn dies sind zwei herausgegriffene Aspekte, die weder allein noch zusammen für das stehen, was das Autismus-Spektrum tatsächlich ist.
In einer Studie aus dem Jahr 2020 schrieb der US-amerikanische Autist und Professor für Sonderpädagogik an der Adelphi University Dr. Stephen Shore nicht umsonst:
»Wenn man einen Menschen mit Autismus kennt, kennt man einen Menschen mit Autismus«.
Nicht sichtbar statt Nicht wollen
Bei einer Häufigkeit von etwa einem Prozent, sind in Deutschland rund 800.000 Menschen im Autismus-Spektrum. Während einige dieser Menschen überdurchschnittlich begabt sein können, können andere ihre Bedürfnisse nur schwer oder auch gar nicht kommunizieren. Nicht selten führt dies zu Zusammenbrüchen, auch Autistischer Burnout genannt. Erst dadurch wird für die Außenwelt sichtbar, was bis dorthin fälschlicherweise häufig als ein Nicht-Wollen aufgefasst wurde.
Bei dem diesjährigen Motto »Nicht unsichtbar!« geht es darum, so vielen Menschen wie möglich zu vermitteln, dass es unzählige Menschen in Deutschland gibt, die sich über ihre Belastungsgrenze hinaus und um jeden Preis anpassen müssen, um Teil einer Gesellschaft zu sein, die sie viel zu häufig nicht wahrnimmt, nicht sieht. Und mehr noch: Auch deren Familien und Angehörige zählen zu diesen nicht sichtbaren Menschen dazu.
Alltägliche Bedürfnisse sehen und verstehen
Während der Welt-Autismus-Tag am 2. April dazu dient, die Bedürfnisse von Menschen im Autismus-Spektrum hervorzuheben, setzen sich viele Betroffene, Organisationen usw. täglich dafür ein, Autismus sichtbar zu machen und so Betroffene wie auch deren Familien und Angehörigen zu unterstützen.
Auch die bundesweite Selbsthilfeorganisation Wohnzimmer Neurodivers e.V. zählt zu diesen Aktiven, indem sie eine datenschutzkonforme Online-Plattform zur Selbsthilfeorganisation betreibt und Betroffenen die Möglichkeit bietet, sich digital und lokal zu vernetzen.
Zudem werden beim Wohnzimmer Neurodivers e.V. regelmäßig Workshops und Vorträge zum Thema angeboten, die häufig für Mitglieder kostenfrei sind. Aktuelle Neuigkeiten hierzu finden sich auf der Webseite der Selbsthilfeorganisation im Bereich »Veranstaltungen«.
Die zum Wohnzimmer Neurodivers e.V. gehörenden Selbsthilfegruppen beteiligen sich in diesem Zusammenhang weit über ihre Vor-Ort-Treffen hinaus. So gibt es beispielsweise in vielen deutschen Städten regelmäßige Spaziergänge und Mitglieder der Stuttgarter Selbsthilfegruppe LIAS – Leben im Spektrum wirkten kürzlich beim SWR-Podcast Das Wissen bei der Folge: Autismus bei Erwachsenen mit.
Nächstes Webinar bei Wohnzimmer Neurodivers e.V.
Am Dienstag den 7. April fokussiert sich Kerstin Huth in ihrem Vortrag insbesondere auf ADHS und Autismus im beruflichen Kontext. Organisiert wird das Webinar von der Selbsthilfegruppe AuDHS meetup.
Anmeldung über die Plattform des Wohnzimmer Neurodivers e.V.

Quellen
Pressemitteilung von autismus Deutschland e.V.
World Autism Awarness Day Event 2. April 2026
Wohnzimmer Neurodivers e.V.
Der Wohnzimmer Neurodivers e. V. ist ein bundesweiter Zusammenschluss neurodivergenter Menschen (ADHS, Autismus, AuDHS). Er vernetzt über 4000 Mitglieder in digitalen und lokalen Selbsthilfegruppen und betreibt eine datenschutzkonforme Online-Plattform zur Selbsthilfeorganisation. Sein Ziel ist es, niedrigschwellige, barrierefreie Zugänge zur Selbsthilfe zu schaffen, Gruppenarbeit zu professionalisieren, Empowerment, Gesundheitskompetenz und Teilhabe zu fördern und der Stigmatisierung von neurodivergenten Menschen entgegenzuwirken.
Dazu bietet der Wohnzimmer Neurodivers e.V. eine professionelle Begleitung einer bundesweiten Selbsthilfestruktur, die Qualifizierung von Selbsthilfeaktiven durch digitale Schulungen, Supervision und Austausch, die Entwicklung niedrigschwelliger Informations- und Unterstützungsangebote für Betroffene und Angehörige sowie eine digitale Plattform mit barrierearmen Funktionen, Foren und Videokonferenzräumen.
Autismus-Spektrum-Störung
Bei der Autismus-Spektrum-Störung (kurz: ASS) handelt es sich um eine sogenannte neuromentale Entwicklungsstörung. Als solche ist die Autismus-Spektrum-Störung angeboren, sie kann genetisch bedingt sein und dauert ein Leben lang an. Charakteristisch für eine Autismus-Spektrum-Störung sind insbesondere Schwierigkeiten in Bereichen der sozialen Interaktion und Kommunikation, was bei den Betroffenen zu erheblichen Beeinträchtigungen im persönlichen, familiären, sozialen sowie im schulischen und beruflichen Umfeld führen kann. In Deutschland hat etwa eine von 100 Personen eine Autismus-Spektrum-Störung. Jungen und Männer werden häufiger diagnostiziert als Mädchen und Frauen. Aktuelle Studien zeigen jedoch, dass weibliche Personen schon früh lernen, ihre Bedürfnisse zu unterdrücken und zu maskieren, weshalb mittlerweile davon ausgegangen wird, dass die Zahl betroffener weiblicher Personen mit Autismus deutlich höher liegt als bislang angenommen. Während manche Menschen im Autismus-Spektrum ein Leben lang auf Unterstützung angewiesen sind, können andere relativ selbstständig leben.
Derzeit gilt in Deutschland noch der ICD 10, demzufolge Autismus unterteilt wird in 1) Frühkindlichen Autismus (F84.0), 2) Atypischen Autismus (F84.1) und 3) Asperger-Syndrom (F84.5). Seit 2022 ist jedoch der ICD 11 der WHO in Kraft getreten. Dieser fasst die drei Autismus-Arten des ICD 10 zusammen unter der Diagnose Autismus-Spektrum-Störung (6A02). In Deutschland ist der ICD 11 noch nicht amtlich, aber in einer deutschsprachigen Testversion einsehbar.
Mehr zur Autismus-Spektrum-Störung bei gesund.bund