Autistischer Burnout: Veränderungen erkennen – mit Symptom-Checkliste

Nicole Terrée

Manche Veränderungen fallen erst auf, wenn kaum noch etwas geht. Geräusche, die sonst irgendwie auszuhalten waren, werden unerträglich. Gespräche kosten plötzlich viel mehr Kraft. Das Denken wird langsamer, Entscheidungen werden schwieriger und selbst vertraute Aufgaben können sich kaum noch bewältigen lassen.

Viele autistische Menschen beschreiben solche Erfahrungen im Zusammenhang mit Autistischem Burnout.

Die klinische Psychologin Dr. Alice Nicholls hat eine Checkliste entwickelt, die dabei helfen kann, solche Veränderungen wahrzunehmen: die Autistic Burnout Symptom Checklist (ABSC). Sie umfasst 40 mögliche Symptome aus verschiedenen Bereichen. Wir haben die Checkliste ins Deutsche übersetzt und stellen sie hier vollständig zur Verfügung.

Autistischer Burnout ist mehr als Erschöpfung

Starke körperliche und mentale Erschöpfung gehört zu den Erfahrungen, die bei Autistischem Burnout besonders häufig beschrieben werden. Es geht aber nicht nur darum, müde zu sein.

Viele Betroffene berichten davon, dass Fähigkeiten zeitweise deutlich schlechter verfügbar sind. Denken, Sprechen, Planen, Entscheidungen treffen, Reize verarbeiten oder mit anderen Menschen kommunizieren kann erheblich schwerer werden als sonst.

Auch die Belastbarkeit gegenüber Geräuschen, Licht, Gerüchen, Berührungen oder sozialen Anforderungen kann deutlich abnehmen.

Autistischer Burnout ist deshalb nicht mit beruflichem Burnout gleichzusetzen. Die Belastung kann aus vielen verschiedenen Lebensbereichen entstehen und betrifft nicht nur Arbeit oder Ausbildung.

Auch eine Depression und Autistischer Burnout sind nicht dasselbe. Manche Beschwerden können sich allerdings überschneiden und beides kann gleichzeitig auftreten. Starke oder länger anhaltende körperliche und psychische Veränderungen sollten deshalb nicht automatisch ausschließlich einem Autistischen Burnout zugeschrieben werden.

Entscheidend ist die Veränderung gegenüber dem eigenen Normalzustand

Die Autistic Burnout Symptom Checklist fragt nicht einfach danach, ob bestimmte Schwierigkeiten grundsätzlich vorhanden sind.

Dr. Alice Nicholls bittet darum, diejenigen Symptome anzukreuzen, die in den vergangenen zwei Wochen stärker als gewöhnlich aufgetreten sind.

Das ist gerade bei Autismus ein wichtiger Punkt.

Eine Person kann zum Beispiel schon immer empfindlich auf Geräusche reagieren. Während einer starken Überlastung kann sich diese Empfindlichkeit aber so verändern, dass selbst alltägliche Geräusche kaum noch auszuhalten sind.

Auch Kommunikation kann grundsätzlich Kraft kosten – und in einer Phase von Burnout plötzlich so anstrengend werden, dass Gespräche kaum noch möglich sind.

Es geht also weniger darum, ob ein bestimmtes Merkmal vorhanden ist, sondern darum, ob sich etwas gegenüber dem eigenen bisherigen Zustand deutlich verändert hat.

Checkliste zu Symptomen von Autistischem Burnout

Autistic Burnout Symptom Checklist (ABSC)
Entwickelt von Dr. Alice Nicholls
Deutsche Übersetzung: Wohnzimmer Neurodivers

Diese Checkliste wurde für autistische Erwachsene entwickelt. Dazu gehören auch Erwachsene, die sich selbst als autistisch einordnen oder stark vermuten, autistisch zu sein.

Die Checkliste ersetzt keine medizinische Beratung. Wenn du dir Sorgen um deine körperliche oder psychische Gesundheit machst, wende dich bitte an eine medizinische oder therapeutische Fachperson.

Kreuze alle Symptome an, die dich in den vergangenen zwei Wochen stärker als gewöhnlich beeinträchtigt haben.

Körperliche Symptome

☐ Ich fühle mich körperlich erschöpft, ohne dass eine Erkrankung die Ursache ist.

☐ Ich habe das Gefühl, dass meine gesamten inneren Ressourcen aufgebraucht sind.

☐ Ich fühle mich ausgelaugt.

☐ Ich brauche mehr Schlaf als sonst.

☐ Es fällt mir schwer, morgens aus dem Bett zu kommen.

Kognitive Symptome

☐ Ich fühle mich geistig erschöpft.

☐ Mein Denken fühlt sich verlangsamt an.

☐ Es fällt mir schwer zu denken.

☐ Meine Fähigkeit, Probleme zu lösen, hat abgenommen.

☐ Es fällt mir schwer, die richtigen Worte zu finden.

☐ Ich habe mehr Schwierigkeiten mit meinem Gedächtnis.

☐ Ich brauche länger als gewöhnlich, um gesprochene Sprache zu verstehen.

☐ Fähigkeiten, die ich bei meiner Arbeit benötige, haben sich verschlechtert oder stehen mir nicht mehr wie gewohnt zur Verfügung.

Exekutive Funktionen

☐ Veränderungen meiner Routine fallen mir schwerer.

☐ Es fällt mir schwer, meinen Tag zu planen.

☐ Es fällt mir schwer, geplante Aktivitäten zu beginnen.

☐ Ich verliere leicht den Fokus.

☐ Es fällt mir schwer, zwischen verschiedenen Aufgaben zu wechseln.

☐ Es fällt mir schwer, Entscheidungen zu treffen.

Soziale und kommunikative Symptome

☐ Soziale Kontakte fallen mir schwer oder fühlen sich unangenehm an.

☐ Kommunikation fällt mir schwer oder fühlt sich unangenehm an.

☐ Ich vermeide soziale Situationen.

☐ Mit anderen Menschen zu sprechen fühlt sich nach zu viel Anstrengung an.

☐ Es fällt mir schwer, eine Antwort zu finden, wenn andere mit mir sprechen.

☐ Es fällt mir schwer, im Kontakt mit anderen den „passenden“ Gesichtsausdruck auszuwählen.

☐ Blickkontakt fühlt sich unangenehm an.

☐ Es fällt mir schwer zu wissen, wann und wie ich Blickkontakt herstellen soll.

Emotionale Symptome

☐ Es fällt mir schwerer, mit meinen Emotionen umzugehen.

☐ Meine Emotionen überwältigen mich leichter.

☐ Ich erlebe stärkere Stimmungsschwankungen.

☐ Ich erlebe häufiger Meltdowns oder Shutdowns.

☐ Meine Meltdowns oder Shutdowns sind intensiver geworden.

☐ Ich habe häufiger das Gefühl, kurz vor einem Meltdown oder Shutdown zu stehen.

Sensorische Symptome

☐ Ich stimme mehr als sonst beziehungsweise suche häufiger sensorischen Input.

☐ Es fällt mir schwerer, Stimming zu unterdrücken.

☐ Alltägliche Geräusche belasten mich stärker.

☐ Alltägliche sensorische Empfindungen sind schwerer auszuhalten.

☐ Alltägliche Gerüche sind schwerer auszuhalten.

☐ Alltägliche visuelle Reize sind schwerer auszuhalten.

☐ Bestimmte Lebensmittel sind schwerer auszuhalten.

Gesamtzahl der angekreuzten Symptome: __________

Datum: __________________

Wenn Fähigkeiten plötzlich nicht mehr so verfügbar sind wie vorher

Ein Punkt, der bei Autistischem Burnout leicht übersehen wird, ist die Veränderung von Fähigkeiten.

Eine Person kann etwas über Jahre hinweg geschafft haben und während eines Burnouts plötzlich große Schwierigkeiten damit bekommen. Das kann zum Beispiel das Planen des Tages betreffen, das Beginnen einer Aufgabe, die Wortfindung oder das Verstehen gesprochener Sprache.

Von außen kann dann schnell die Frage kommen: „Aber das ging doch vorher auch?“

Genau das ist der Punkt: Was grundsätzlich möglich ist, muss in einer Phase starker Überlastung nicht in gleicher Weise verfügbar sein.

Die Checkliste bildet das an mehreren Stellen ab. Sie fragt nicht nur nach Erschöpfung, sondern auch nach Gedächtnisproblemen, langsamerem Denken, Schwierigkeiten beim Wechsel zwischen Aufgaben und danach, ob Fähigkeiten im Arbeitskontext schlechter verfügbar sind.

Reize können sehr viel schwerer auszuhalten sein

Auch die sensorische Belastbarkeit kann sich verändern.

Geräusche, Gerüche, Licht, Berührungen, Geschmack oder andere Empfindungen, mit denen eine Person normalerweise umgehen kann, können plötzlich deutlich stärker belasten.

Gleichzeitig kann Stimming zunehmen.

Das muss nicht bedeuten, dass etwas „schlechter“ geworden ist. Stimming kann eine wichtige Form der Regulation sein. Mehr Stimming kann deshalb auch darauf hinweisen, dass das Nervensystem gerade mehr Möglichkeiten zur Selbstregulation benötigt.

Auch soziale Kontakte können plötzlich sehr viel Kraft kosten

Ähnlich kann es bei Kommunikation und sozialen Situationen sein.

Gespräche können erheblich anstrengender werden. Eine Antwort zu formulieren dauert länger. Blickkontakt kann noch unangenehmer werden. Manche Menschen haben weniger Kapazität dafür, Mimik bewusst zu steuern oder soziale Erwartungen zu erfüllen.

Andere ziehen sich stärker zurück.

Das bedeutet nicht automatisch, dass kein Interesse an anderen Menschen mehr besteht. Manchmal reicht die vorhandene Energie schlicht nicht mehr für die Anforderungen, die soziale Situationen mit sich bringen.

Die Checkliste ist kein Burnout-Test

Die ABSC ist hilfreich, sollte aber nicht mit einem diagnostischen Test verwechselt werden.

Sie ist bisher kein standardisiertes diagnostisches Instrument. Es gibt deshalb auch keinen wissenschaftlich abgesicherten Wert, ab dem man sagen könnte: „Ab dieser Punktzahl liegt Autistischer Burnout vor.“

Dr. Alice Nicholls schreibt selbst ausdrücklich, dass es keinen Cut-off-Wert gibt.

Das ist auch deshalb sinnvoll, weil die reine Anzahl der Symptome wenig darüber sagt, wie stark eine Person tatsächlich beeinträchtigt ist. Wenige Symptome können massive Auswirkungen auf den Alltag haben. Eine andere Person kann viele Punkte ankreuzen und trotzdem in einzelnen Bereichen noch vergleichsweise gut zurechtkommen.

Wofür die Checkliste besonders nützlich sein kann

Interessant ist die ABSC vor allem als Werkzeug zur Selbstbeobachtung.

Wer sie in gewissen Abständen erneut ausfüllt, kann möglicherweise leichter erkennen, ob sich etwas verändert.

Werden Geräusche wieder besser vertragen? Wird das Denken klarer? Fällt es leichter, Aufgaben zu beginnen? Ist wieder mehr soziale Kapazität vorhanden?

Oder nimmt die Zahl der Bereiche zu, in denen etwas schwieriger geworden ist?

Die Checkliste kann auch dabei helfen, die eigenen Erfahrungen gegenüber anderen konkreter zu beschreiben. Statt nur zu sagen „Ich bin völlig erschöpft“, lässt sich vielleicht genauer benennen, was sich verändert hat.

Das kann auch in Gesprächen mit Ärzt:innen, Therapeut:innen, Beratungsstellen oder unterstützenden Personen hilfreich sein.

Was wir inzwischen über Autistischen Burnout wissen

Autistischer Burnout ist noch ein vergleichsweise junges Forschungsgebiet. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der wissenschaftlichen Arbeiten dazu aber deutlich gestiegen.

Eine häufig zitierte Studie von Dora Raymaker und Kolleg:innen aus dem Jahr 2020 beschrieb drei besonders zentrale Aspekte: starke und anhaltende Erschöpfung, den Verlust beziehungsweise die verringerte Verfügbarkeit von Fähigkeiten und eine geringere Toleranz gegenüber Reizen.

Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 wertete 48 Studien mit insgesamt rund 4.000 autistischen Menschen aus. Auch dort zeigten sich unter anderem Erschöpfung, Veränderungen kognitiver und exekutiver Fähigkeiten sowie sensorische und soziale Überlastung als wiederkehrende Themen.

Damit passen viele Punkte der ABSC gut zu dem, was autistische Menschen auch in wissenschaftlichen Studien über Burnout berichten.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die ABSC selbst bereits umfassend wissenschaftlich validiert wurde. Das Phänomen Autistischer Burnout und die Qualität eines bestimmten Fragebogens sind zwei verschiedene Fragen.

Auch die Messung von Autistischem Burnout wird weiterentwickelt

Inzwischen gibt es mit dem AASPIRE Autistic Burnout Measure ein weiteres Instrument, das gezielt wissenschaftlich untersucht wurde.

Studien mit autistischen Erwachsenen zeigen vielversprechende Ergebnisse zur Zuverlässigkeit und Validität dieses Fragebogens. Gleichzeitig betonen die Forschenden, dass weitere Untersuchungen notwendig sind.

Die Forschung ist also noch nicht abgeschlossen. Das sollte aber nicht dazu führen, die Erfahrungen autistischer Menschen mit Burnout als nebensächlich abzutun. Vielmehr wird inzwischen genauer untersucht, wie sich Autistischer Burnout beschreiben, unterscheiden und messen lässt.

Wenn du dich in vielen Punkten wiederfindest

Eine hohe Zahl angekreuzter Punkte ist keine Diagnose. Sie kann aber ein Anlass sein, die eigene Situation genauer anzuschauen.

Zum Beispiel:

  • Was ist im Moment besonders anstrengend?
  • Welche Anforderungen kosten unverhältnismäßig viel Energie?
  • Was könnte vorübergehend reduziert oder vereinfacht werden?
  • Welche Reize lassen sich vermeiden oder verändern?
  • Wo wäre mehr Rückzug oder Erholungszeit möglich?
  • Welche Unterstützung wäre gerade hilfreich?
  • Welche Erwartungen von außen oder an sich selbst sind momentan vielleicht zu hoch?

Bei starken, neuen oder länger anhaltenden Beschwerden ist außerdem sinnvoll, auch andere körperliche oder psychische Ursachen abklären zu lassen.

Die Checkliste kann dafür ein guter Ausgangspunkt sein. Sie liefert keine Diagnose – aber sie kann helfen, genauer wahrzunehmen und zu benennen, was gerade passiert.

Zur Checkliste


Die Autistic Burnout Symptom Checklist (ABSC) wurde von der klinischen Psychologin Dr. Alice Nicholls entwickelt.

Die Originalautorin erlaubt die Vervielfältigung der Checkliste unter der Voraussetzung, dass sie genannt und auf ihre Website verlinkt wird.

Original und weitere Informationen:
www.dralicenicholls.com

Urheberin: Dr. Alice Nicholls
Originaltitel: The Autistic Burnout Symptom Checklist (ABSC)
Deutsche Übersetzung: Wohnzimmer Neurodivers

Quellen

Nicholls, A.
The Autistic Burnout Symptom Checklist (ABSC).
Website von Dr. Alice Nicholls

Raymaker, D. M. et al. (2020).
“Having All of Your Internal Resources Exhausted Beyond Measure and Being Left with No Clean-Up Crew”: Defining Autistic Burnout.
Autism in Adulthood, 2(2), 132–143.
Zur Veröffentlichung

Ali, D. et al. (2025).
Burnout as experienced by autistic people: A systematic review.
Clinical Psychology Review, 122, 102669.
Zur Veröffentlichung

Higgins, J. M. et al. (2024).
Measuring and validating autistic burnout.
Autism Research.
PubMed-Eintrag

Bougoure, M. et al. (2026).
Measuring autistic burnout: A psychometric validation of the AASPIRE Autistic Burnout Measure in autistic adults.
Autism.
PubMed-Eintrag

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