ADHS: Zwischen Diagnoseanstieg und Therapieabbruch

Die Zahl der ADHS Diagnosen steigt, diagnostische Systeme entwickeln sich weiter, etwa durch den Übergang von ICD-10 zu ICD-11. Damit rücken zunehmend auch lange übersehene Gruppen wie Erwachsene und insbesondere Frauen stärker in den Fokus. Gleichzeitig werden mehr Medikamente verordnet als noch vor einigen Jahren. Dadurch könnte man annehmen, dass sich auch die Versorgung stetig verbessern müsste. Doch dieser Eindruck trifft nur beschränkt zu: Trotz wachsender Diagnoseraten und steigender Verschreibungen zeigt sich, dass viele Betroffene ihre medikamentöse Therapie bereits nach kurzer Zeit wieder abbrechen. Ein Hinweis darauf, dass bessere Erkennung nicht automatisch zu nachhaltiger Behandlung führt?

Von Lisa-Marie Schöpf

ADHS-Medikation im Wandel: Mehr Diagnosen, aber weniger Medikamententoleranz?

Die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist in den letzten Jahren deutlich häufiger gestellt worden, nicht nur bei Kindern, sondern zunehmend auch bei Erwachsenen, wie ein Artikel des Deutschen Ärzteblattes aus dem Jahr 2026 berichtet. Parallel dazu steigen die Verordnungen von ADHS-Medikamenten in vielen europäischen Ländern. Auf den ersten Blick könnte das als Fortschritt in der Versorgung interpretiert werden: Mehr Betroffene werden erkannt und behandelt. Doch beim genaueren Betrachten zeigt sich ein widersprüchliches Bild. Denn während mehr Menschen eine medikamentöse Therapie beginnen, brechen viele diese erstaunlich schnell wieder ab.

Eine aktuelle, von Forschenden der Universität Oxford geleitete internationale Studie auf Basis europäischer Gesundheitsdaten zeigt: In Deutschland befinden sich ein Jahr nach Beginn der medikamentösen Behandlung nur noch etwa 15 Prozent der Patientinnen und Patienten weiterhin in Therapie. Damit liegt Deutschland im internationalen Vergleich deutlich zurück. Dieses Spannungsfeld zwischen steigenden Diagnosen und geringer Behandlungskontinuität wirft zentrale Fragen zur Qualität der Versorgung auf.

Welche Medikamente kommen bei ADHS zum Einsatz?

Die medikamentöse Behandlung von ADHS basiert heute auf wenigen, gut untersuchten Wirkstoffgruppen. Laut einer Analyse des Deutschen Ärzteblattes aus dem Jahr 2017 werden am häufigsten sogenannte Stimulanzien eingesetzt, insbesondere Methylphenidat, das in Deutschland den Großteil der Verordnungen ausmacht. Daneben werden Lisdexamfetamin und Dexamphetamin eingesetzt. Diese Substanzen erhöhen die Verfügbarkeit von Neurotransmittern wie Dopamin und Noradrenalin im Gehirn und verbessern so Aufmerksamkeit und Impulskontrolle.

Als Alternative, vor allem bei Unverträglichkeiten oder bestimmten Begleiterkrankungen, werden nicht-stimulierende Medikamente wie Atomoxetin oder Guanfacin eingesetzt. Insgesamt gilt die Pharmakotherapie als wirksam: Rund 60 Prozent der Patientinnen und Patienten zeigen eine klinisch relevante Verbesserung der Symptome unter dieser Medikation .

Dabei ist jedoch wichtig, dass Medikamente Teil eines multimodalen Behandlungskonzepts sein sollten, das auch psychotherapeutische Maßnahmen umfasst.

Warum brechen so viele die Behandlung ab?

Trotz der Wirksamkeit bleibt die langfristige Einnahme von ADHS-Medikamenten die Ausnahme. Eine Studie eines internationalen Forschungsteams nennt hierfür verschiedene Gründe.

Ein zentraler Faktor ist der Übergang vom Jugend- ins Erwachsenenalter. Studien zeigen, dass die Medikationsrate in dieser sogenannten „Transitionsphase“ dramatisch abfällt: Innerhalb von sechs Jahren sinkt sie von über 50 Prozent auf unter 10 Prozent. Häufig fehlt es an strukturierten Übergängen zwischen kinder- und erwachsenenpsychiatrischer Versorgung.

Auch Nebenwirkungen der Medikation wie Appetitverlust, Schlafstörungen oder innere Unruhe können im Alltag als belastend erlebt werden und die individuelle Medikamententoleranz herabsetzen.

Hinzu kommen individuelle Gründe, wie mangelnde subjektive Wirksamkeit oder Stigmatisierung, die dazu führen können, dass Patientinnen und Patienten die Behandlung eigenständig abbrechen. Auch Komorbiditäten erschweren die kontinuierliche Therapie. Das heißt, dass ADHS zum Beispiel mit Depressionen oder Angststörungen gemeinsam auftritt.

Zudem spielen Versorgungsstrukturen eine Rolle. Die Daten legen nahe, dass insbesondere in Deutschland die langfristige Betreuung nicht ausreichend gesichert ist. Eine begonnene Therapie wird also häufig nicht konsequent weitergeführt.

Geschlechterunterschiede: ADHS ist nicht „männlich“

Wie unter anderem eine Studie der Forschenden der Universität von Cambridge zeigt, betrifft ein weiterer wichtiger Aspekt die Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Lange Zeit galt ADHS als „typische Jungenstörung“. Tatsächlich zeigen Daten, dass Jungen häufiger diagnostiziert werden. Im Kindesalter liegt das Verhältnis bei etwa 4:1 . Doch dieses Bild verändert sich im Erwachsenenalter deutlich.

Frauen werden im Schnitt später diagnostiziert als Männer und erhalten seltener frühzeitig eine medikamentöse Behandlung. Ein Grund dafür ist das oft weniger auffällige Erscheinungsbild: Während Jungen häufiger durch Hyperaktivität auffallen, zeigen Mädchen eher unaufmerksame Symptome, die leichter übersehen werden.

Zudem kommt es bei Frauen häufiger zu sogenannten „diagnostic overshadowing“-Effekten: Symptome werden zunächst anderen Störungen wie Depression oder Angst zugeschrieben. Tatsächlich erhalten Frauen mit ADHS häufiger zuerst eine Diagnose dieser Begleiterkrankungen und oft auch entsprechende Medikation, bevor ADHS erkannt wird.

Diese Verzögerung hat Konsequenzen: Eine spätere Diagnose bedeutet häufig auch einen späteren Behandlungsbeginn und damit eine längere Phase unbehandelter Symptome.

Hier zeigt der Artikel des Deutschen Ärzteblattes den erfreulichen Trend: Die Daten deuten darauf hin, dass dieser Geschlechtsunterschied zunehmend kleiner wird.

Fazit: Mehr Diagnosen, aber jetzt braucht es bessere Behandlung

Die steigenden Zahlen von ADHS-Diagnosen und Medikamentenverordnungen sind zunächst ein positives Signal: Sie deuten auf eine bessere Sensibilisierung und möglicherweise geringere Unterdiagnostik hin, vor allem bei Erwachsenen und Frauen.

Doch die geringe Behandlungskontinuität zeigt, dass Diagnose allein nicht ausreicht. Eine nachhaltige Versorgung erfordert stabile Strukturen, insbesondere beim Übergang ins Erwachsenenalter, sowie eine individualisierte Begleitung der Betroffenen.

Die zentrale Herausforderung besteht daher nicht nur darin, ADHS häufiger zu erkennen, sondern die medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung auch langfristig wirksam und zugänglich zu gestalten.

Hauptquelle

Li, X., Guo, Y., Picco, A. G., Palomar-Cros, A., Delmestri, A., Man, W. Y., Kaczmarczyk, I., Brash, J. T., Verhamme, K., Mosseveld, M., Duarte-Salles, T., Prieto-Alhambra, D. & Burn, E. (2026). Trends in use of Attention-Deficit Hyperactivity Disorder medications among children and adults in five European countries, 2010 to 2023: a population-based observational study. The Lancet Regional Health – Europe, 61, 101556. https://doi.org/10.1016/j.lanepe.2025.101556

Quellen

Ärzteblatt, D. Ä. G. R. D. (o. D.-a): ADHS in Deutschland: Trends in Diagnose und medikamentöser Therapie. Deutsches Ärzteblatt.

Catalá-López, F., Hutton, B., Núñez-Beltrán, A., Mayhew, A. D., Page, M. J., Ridao, M., Tobías, A., Catalá, M. A., Tabarés-Seisdedos, R. & Moher, D. (2015): The pharmacological and non-pharmacological treatment of attention deficit hyperactivity disorder in children and adolescents: protocol for a systematic review and network meta-analysis of randomized controlled trials. Systematic Reviews, 4(1), 19.

Martin, J., Langley, K., Cooper, M., Rouquette, O. Y., John, A., Sayal, K., Ford, T. & Thapar, A. (2023): Sex differences in ADHD diagnosis and clinical care: A national study of population healthcare records in Wales. medRxiv.


Hinweis
Lisa-Marie Schöpf bereitet ehrenamtlich die Inhalte wissenschaftlicher Studien für uns auf. Ziel ist es, Betroffene auf möglichst verständliche Art und Weise über Aktuelles aus Psychiatrie, Psychotherapie, Medizin und Forschung zu informieren.

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