Wenn es darum geht, warum Zugang zu Informationen und Hilfe gerade beim Thema Autismus so wichtig sind, ist ein besonders schwerwiegender Grund: Autistische Menschen haben ein bis zu achtfach höheres Risiko durch Suizid zu sterben als nicht-autistische Menschen. Das belegen viele Studien, die 2024 in einer Übersichtsarbeit zusammengefasst wurden.
Maria Preuß
Einsamkeit, Erfahrung mit Mobbing, aber auch fehlende professionelle Unterstützung sind einige der Gründe, warum autistische Menschen an Suizid denken oder ihn tatsächlich auch begehen. Das Navigieren in einer neurotypischen Welt, die nicht auf autistische Bedürfnisse ausgelegt ist, wird von vielen autistischen Menschen als sehr herausfordernd beschrieben. Dass diese Belastungen so hoch sind, dass autistische Menschen keinen anderen Ausweg als den Suizid sehen, ist ein dramatisches Warnsignal, das unbedingt ernst genommen werden muss.
Belege dafür kommen aus einer Übersichtsstudie (einer sogenannten Systemischen Review), die 80 Studien aus 17 Ländern ausgewertet hat.
Dabei haben die Forschenden in den Studien nach Hinweisen geschaut, wie häufig autistische Menschen Suizid begehen oder suizidale Gedanken haben. In 27 Studien wurden verschiedene Prävalenzen gefunden: Demnach haben autistische Menschen ein zwei- bis achtfaches Risiko, durch Suizid zu sterben.
Warum ist das Suizid-Risiko so hoch?
In einigen der untersuchten Studien wurden auch mögliche Erklärungen und/oder Risikofaktoren untersucht. Eine Studie von Arwert & Sizoo (2020) zeigte zum Beispiel, dass geringes Selbstwertgefühl mit Suizidgedanken zusammenhängt und häufiges Grübeln (sogenannte Rumination) mit vorangegangenen Suizidversuchen assoziiert ist. Sobald der Einfluss von Depression herausgerechnet wurde, verschwanden diese Zusammenhänge. Das bedeutet, Depression bei autistischen Menschen wirkt als vermittelnder Mechanismus, über den andere Belastungen letztlich zu Suizidrisiko führen. Auch Borderline-Persönlichkeitsstörung, bipolare Störung, Psychose und Anpassungsstörungen zeigten positive Zusammenhänge mit erhöhtem Suizidrisiko.
Ein weiteres Erklärungsmodell bietet die Interpersonale Suizidtheorie (IPTS). Sie beschreibt zwei psychologische Zustände, die Suizidalität begünstigen: das Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören (thwarted belongingness, zu Deutsch: vereitelte Zugehörigkeit), und die Überzeugung, anderen zur Last zu fallen (perceived burdensomeness). Eine Studie von Aral et al. (2023) zeigte, dass genau diese beiden Zustände bei autistischen Menschen Selbstverletzung vorhersagen und den Zusammenhang zwischen autistischen Merkmalen und Selbstverletzung erklären können. Selbstverletzendes Verhalten, auch ohne Suizidabsicht, wurde als Risikofaktor für versuchten und vollendeten Suizid identifiziert.
Weitere Risikofaktoren
Als weitere Risikofaktoren wurden auch ein geringes Selbstwertgefühl, Alexithymie – also die Schwierigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen und zu benennen – sowie Emotionsregulationsprobleme erkannt. Auch internalisierende Probleme (wie Rückzug und Grübeln) und externalisierende Probleme (wie aggressives Verhalten) spielen eine Rolle. Auch Perfektionismus und eine hohe Intoleranz gegenüber Unsicherheit wurden als mögliche Risikofaktoren untersucht, mit jedoch uneinheitlichen Ergebnissen.
Manche Studien fanden, dass höhere kognitive Fähigkeiten mit erhöhtem Risiko assoziiert sind. Die Forschenden erklärten es so: Möglicherweise sind sich kognitiv fähigere autistische Menschen der Diskrepanz zwischen ihren Fähigkeiten und ihrer sozialen Situation besonders bewusst. Andere Studien fanden das Gegenteil und identifizierten geringere kognitive Flexibilität und
Schwierigkeiten mit exekutiven Funktionen als Risikofaktoren
Einsamkeit, Mobbing und Viktimisierung durch Gleichaltrige sowie zwischenmenschliche Konflikte wurden studienübergreifend mit höherem Suizidrisiko assoziiert. Dabei sind die Zusammenhänge teilweise indirekt: So zeigte sich in einer Studie, dass Depressionssymptome den Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Suizidalität vermitteln – Einsamkeit erhöht also zunächst das Depressionsrisiko, und Depression wiederum erhöht das Suizidrisiko. Unerfüllte Unterstützungsbedürfnisse – also das Gefühl, keine angemessene Hilfe zu bekommen – wurden ebenfalls als Risikofaktor identifiziert.
Physiologische Faktoren wurden in der Forschung bislang am wenigsten untersucht. Kürzere Schlafdauer und allgemeine medizinische Bedenken wurden in einigen Studien als Risikofaktoren identifiziert.
Schutzfaktoren
Nur drei der 80 Studien untersuchten explizit, was autistische Menschen vor suizidalen Gedanken und Verhaltensweisen schützt. Eine davon befasste sich mit Hundehaltung als Schutzfaktor. In einer qualitativen Studie aus dem Vereinigten Königreich wurden 36 autistische Erwachsene, die einen Hund besitzen, zu ihrem Wohlbefinden befragt. Knapp ein Sechstel der Befragten gab an, dass ihr Hund sie davon abgehalten hatte, sich das Leben zu nehmen. Das lag vor allem an der Zuneigung des Tieres und die Verantwortung, die mit seiner Versorgung einhergeht. Besonders häufig wurden enge, körperliche Interaktionen mit dem Hund – wie Kuscheln, Spazierengehen oder einfach seine Anwesenheit – als stimmungsaufhellend und lebensverbessernd beschrieben. Aber auch routineartige Aktivitäten wie das Füttern des Tieres trugen zur Stabilisierung des Alltags bei. Gleichzeitig wurden auch Belastungen durch Hundehaltung berichtet, etwa Verhaltensprobleme des Tieres, Krankheit oder Tod des Hundes sowie die mit der Haltung verbundenen Verpflichtungen.
Hilfe 24/7
Telefonseelsorge
Tel.: 0800/1110111 / 0800/1110222
Tel.: 0800/1110550 (Elterntelefon)
Notfalltelefon Suizid Deutschland
Tel.: 030/8730111
Notruf 112/110
Prävention und Versorgung: Was hilft und was fehlt?
Drei der 80 Studien untersuchten konkrete Präventionsinterventionen.
Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) wurde als wirksam zur Reduktion von Suizidgedanken und -verhalten bei autistischen Erwachsenen identifiziert. DBT ist ein strukturiertes Therapieprogramm, das ursprünglich für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung entwickelt wurde und Techniken zur Emotionsregulation, Stresstoleranz und zwischenmenschlicher Wirksamkeit vermittelt. Inwiefern dieser Ansatz auf autistische Menschen übertragen werden kann, muss durch weitere Studien untersucht werden.
Darüber hinaus wurden autismusangepasste Sicherheitspläne entwickelt und erprobt. Solche Pläne helfen Betroffenen, im Krisenfall konkrete Schritte zu kennen: wen sie anrufen können, was ihnen in Notlagen hilft, welche Warnsignale sie bei sich selbst kennen.
In der qualitativen Studie von Camm-Crosbie et al. (2019) kommen autistische Menschen selbst zu Wort. Sie berichten in Interviews von Schwierigkeiten beim Zugang zu Behandlung und Unterstützung. Auf bürokratischer, kommunikativer und struktureller Ebene gibt es noch viele Hürden.
Außerdem beschrieben die Interviewten einen weit verbreiteten Mangel an Wissen und Verständnis bei Fachkräften im Hinblick auf Autismus und gleichzeitig bestehende psychische Erkrankungen. Klinische Fachkräfte, die weder die spezifischen Kommunikationsstile noch die besonderen Belastungen autistischer Menschen kennen, können keine angemessene Versorgung leisten.
In dieser Studie zeigte sich auch, dass unzureichende oder unangemessene Unterstützung das Wohlbefinden der Betroffenen direkt verschlechterte.
Was tun?
Die Autorinnen und Autoren der Studie liefern verschiedene Lösungsansätze mit:
Auf der klinischen Ebene müssen Fachkräfte in der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung deutlich besser über Autismus und häufige Komorbiditäten informiert werden. Screeninginstrumente für Suizidalität müssen auf autistische Menschen zugeschnitten und validiert werden. Zwei entsprechende Instrumente (SBQ-ASC und SIDAS-M) existieren bereits, brauchen aber weitere Validierung.
Auf der gesellschaftlichen Ebene geht es um Inklusion, Entstigmatisierung und den Abbau von Einsamkeit. Soziale Teilhabe ist kein nice-to-have sondern lebensnotwendig.
Und schließlich: Autistische Menschen selbst müssen in die Entwicklung von Unterstützungsangeboten einbezogen werden.
Quelle
Brown, C.M., Newell, V., Sahin, E. et al. Updated Systematic Review of Suicide in Autism: 2018–2024. Curr Dev Disord Rep 11, 225–256 (2024). https://doi.org/10.1007/s40474-024-00308-9
Hinweis
Maria Preuß bereitet ehrenamtlich die Inhalte wissenschaftlicher Studien für uns auf. Ziel ist es, Betroffene auf möglichst verständliche Art und Weise über Aktuelles aus Psychiatrie, Psychotherapie, Medizin und Forschung zu informieren.